Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Zwei Mal Ruhrgebiet

Was meine Liebste und mich verbindet, sind nicht nur die vielen kleinen Gegensätzlichkeiten, sondern auch manche Gemeinsamkeit. Dazu zählt als sehr prägendes Element sicherlich die Herkunft aus zwei zwar unterschiedlichen Städten, die aber schon bei ungefährem Hinsehen mehr miteinander gemein haben als man hierzulande denkt.

Dennoch ist mir selbst dieser Umstand erst vor einiger Zeit so richtig bewusst geworden, nachdem mir ganz zufällig ein Erdkundebuch zum Thema „Deutschland“ aus meiner gymnasialen Anfangsphase in den sechziger Jahren in die Hände gefallen war.

Aus heutiger Sicht lassen sich die darin behandelten Inhalte sicherlich mit einer gewissen historischen Milde betrachten: Die „Ostzone“ ist längst Vergangenheit und auch der seinerzeit nach offizieller Diktion unter polnischer Verwaltung stehende deutsche Osten hat inzwischen einen völker- und territorialrechtlich legitimen Platz in der Republik Polen gefunden.

Abseits dieser übergeordneten politischen Einschätzungen fand ich das Kapitel mit dem Titel „Kattowitz – Das Ruhrgebiet des Ostens“ sowieso viel interessanter, weil biographisch näher, stamme ich doch schließlich selbst aus dem Ruhrgebiet des Westens und hege daher eine tiefe Zuneigung zu allen Orten, in denen es hübsch rußig zugeht.

Auch der gesondert zu erörternden Frage, warum in einem gymnasialen Erdkundebuch die Ruhr offenbar auch durch Kattowitz fließt, ging ich zum damaligen Zeitpunkt nicht nach. Es waren die Abbildungen, die mich in der Erinnerung zurückführten zu unserem Ausflug nach Kattowitz im Jahre 1997.

Obwohl ich – im Nachhinein darf ich das wohl ruhig zugeben – eigentlich keine große Lust hatte, meinen ruhigen Schattenplatz im Garten aufzugeben, war ich Maugas Wunsch gefolgt, ihr Elternhaus auf der Gliwicka in Kattowitz aufzusuchen, nicht nur um ihr Gelegenheit zu geben, ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen, sondern auch, um mich daran teilhaben zu lassen. Offenbar war ihr sehr daran gelegen und da ich selbst ein ausgesprochener Fan wehmütiger Sentimentalitäten bin, machten wir uns also an diesem brütend heißen Tag auf zu den Stätten ihrer Kindheit.

Ewa Parma, eine uns bekannte Schriftstellerin aus Kattowitz, hat ihre Stadt einmal als eine der dreckigsten Kulturmetropolen Europas bezeichnet. Dass mich persönlich das nicht schrecken kann, liegt auf der Hand, denn schließlich war auch mein Geburtsort Essen in meinen Kindheitsjahren nicht gerade ein idyllischer Jagen im Naturschutzgebiet.

Und so fühlte ich mich nicht nur schon beim Durchfahren der Vororte mit Blick auf die Hütten, sondern auch auf der Gliwicka selbst, die wir nach längerem Suchen schließlich fanden, auf Anhieb wie zu Hause.

Es ist dieser morbide Charme, die ratternde und quietschende Straßenbahn, die trostlosen Spielplätze, die im Hinterhof in einer leichten Brise wehende Bettwäsche, die nur ein einziges Mal, nämlich beim Kauf, weiß war, das alles in allem heruntergekommene Ambiente, in dem nur Malocher sich zu Hause fühlen können oder zumindest so tun, weil letztlich doch an jeder Ecke versteckte Anzeichen dafür zu finden sind: ein sorgsam gepflegtes kleines Blumenbeet, Klavierübungen, die aus einem geöffneten Fenster herüberwehen, schwätzende Frauen auf dem Gehsteig…

Und auch wenn wir eigentlich hierher gekommen waren, um in Maugas Erinnerungen zu schwelgen, ertappte ich mich plötzlich dabei, wie ich hier an der Gliwicka 94 abhob und unvermittelt auf der Krayer Straße 140 landete, wo meine Eltern kurz vor meiner Geburt unter dem Dach zwei Zimmer mit ebenso viel Liebe wie Eifer hergerichtet und diese bezogen hatten. Ein Kohleherd diente nicht nur dem Heizen des Küchenwohnraumes, sondern auch dem Kochen, während das Schlafzimmer, in dem ich zunächst in der Besuchsritze des elterlichen Bettes, später dann in einem eigenen Bett nächtigte, kalt blieb, so kalt, dass im Winter Eisblumen an der Innenseite des Fensters wuchsen.

Neben dieser saisonalen floristischen Attraktion bestand eine weitere ganzjährige Besonderheit in der städtegeographischen Lage dieser meine Kindheitsjahre prägenden Mansardenwohnung. Heute würde man wohl von einer außerordentlich günstigen Verkehrsanbindung sprechen, damals war es normal, ich kannte es nicht anders und darum war es auch gut so. Vorn dröhnte der Verkehr der Hauptverkehrsstraße bis zu uns in luftige Höhen hinauf, hinten – kaum einen Steinwurf entfernt vom Schlafzimmerfenster – führte die wichtigste Eisenbahnverbindung durch das Ruhrgebiet vorbei.

Vielleicht erklärt dies meine spätere Vorliebe für Lautstärke an sich und das damit verbundene schlechte Gehör. Ein zuweilen irritierendes Ergebnis daraus jedenfalls ist es, dass in Verbindung mit dem ohnehin etwas ruppigen Tonfall, der allen Mitgliedern meiner Familie zu eigen ist, bei Außenstehenden nicht selten der Eindruck entsteht, es herrsche beständiger Streit im Haus. Wo selbst eine Liebeserklärung mit Donnerhall daherkommt, ist dies durchaus nachvollziehbar, bleibt aber dennoch ein Trugschluss. Obwohl auch eine gewisse cholerische Neigung bei manchen, zumal den männlichen Mitgliedern meiner Familie nicht zu leugnen ist, sind wir doch alle im tiefsten Innern unseres Herzens liebevolle und beinahe harmoniesüchtige Menschen, die zwar einer Auseinandersetzung nicht aus dem Wege gehen, dies aber nur, um nach Erledigung der Streitsache in kürzester Zeit eine noch liebevollere und harmonischere Atmosphäre zu schaffen. Jedenfalls glauben wir inständig daran.

Auch diesen Grundzug übrigens habe ich an vielen Menschen in meiner zweiten Heimat Schlesien wiedergefunden. Solange nichts wirklich Wichtiges anliegt, hält man geduldig zurück, gerät man dann aber doch einmal in Streit über die Mannschaftsaufstellung beim nächsten Länderspiel, über die optimale Haltung von Brieftauben oder auch darüber, dass die Nachbarskinder einem wieder mal das Benzin aus dem Tank geklaut haben, so wird es lautstark, wie wenn im Orchestergraben nach einem Adagio mit einem Mal die Pauken und Trompeten einsetzen, nur aber, um nach einem kurzen dramatischen Intermezzo wieder zu verhallen und wie nach einem ordentlichen Gewitter nurmehr reine, saubere Luft zurücklassen, die man in tiefen Zügen einatmet.

Was übrigens die Luft in Kattowitz anbelangt, so soll sich hier in den letzten Jahren vieles zum Besseren gewendet haben. Dass es wirksame Filteranlagen gibt, weiß man inzwischen auch hier, ja mehr noch: Immer öfter baut man sie auch ein.

So gesehen hat das Ruhrgebiet des Ostens mit einigen Jahren Verzögerung mit dem des Westens gleichgezogen, das schwerindustrielle Erbe selbstbewusst mit Kultur verbunden und so eine Mischung von großer Attraktivität gefunden.

Damals, bei unserem Besuch im Jahre 1997, war dies für mich so noch nicht abzusehen. Ich war das erste Mal dort und genoss die Nähe und Wärme, mit der diese Stadt mich empfing, und freute mich mit und über Mauga, die verzückt im Hinterhof jener Mietskaserne herumhüpfte, in der sie groß geworden war, Anekdoten zum Besten gab und mich immer wieder mal hierhin, mal dorthin führte.

Es ist wohl wahr: Da, wo die ersten selbstständigen Erinnerungen einsetzen, da bleibt man ein Leben lang zu Haus, ganz gleichgültig, wohin es einen später noch verschlagen wird.

Dass es mir beschieden war, mit Schlesien eine Region für mich zu entdecken, die mir eine zweite Heimat wurde, in der ich mich ebenso zu Hause fühle wie als kleiner Essener Knappe in meiner kindlichen Krayer Welt, das muss möglicherweise als besonderer Glücksfall, vielleicht gar als Wink des Schicksals gelten.

Bisher keine Kommentare »

Dein Beitrag

HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>