Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Was ist Heimat?

Wenn ich Glück habe, werde ich zur Neige meines Lebens eben dort wieder angekommen sein, wo ich begonnen habe. Mit einem Schuss religiösem Pathos würde man wohl davon sprechen, der Kreis des Lebens habe sich vollendet. Ich meine es viel banaler und es hat mit zwei Orten zu tun: mit dem, woher ich stamme und mit dem, wohin ich gehe.

Ich komme nämlich aus Kray. Das ist da, wo die Männer Proleten, die Frauen unschön und die Kinder laut und ungezogen sind. Jedenfalls habe ich es so später von vielen Leuten sagen hören.

Etwas früher lernte ich, dass Kray ein Stadtteil von Essen ist und dass es in Essen noch viele andere Stadtteile gibt, manche sogar, wo es überall richtig grün ist, wo riesige Häuser mit einer atemberaubenden Aussicht auf den See stehen, richtige Schlösser zuweilen, in denen nur ein paar Leute wohnen, mit mehreren Autos vor der Tür für eben diese wenigen Leute und Gärten, die so groß sind wie der Volksgarten, in dem ich mit meinen Eltern sonntags immer spazieren gehen musste.

Noch später lernte ich, dass es für mich gut gewesen war, bei den kleinen Leuten groß zu werden.

Und das hatte auch und vor allem zu tun mit meinen Nachbarn, die mindestens zur Hälfte Kowlaski hießen, Koslowski, Michalschewski, Malkowski oder mal ohne Ski auch Piontek.

Es waren die Kinder jener Nachbarn, mit denen ich auf dem Aschenplatz gegenüber dem Filmeck Fußball spielte, die mit mir zunächst zur Volksschule, dann auch zum Gymnasium gingen und die ich erst später, als ich etwas von Nationalitäten und Territorien lernte, von ihrem familiären Ursprung her einem Land zuordnen konnte, das sich Polen nennt.

Leider lernte ich zum selben Zeitpunkt, dass man die Polen oft auch Pollacken nannte, besonders dann, wenn man sich über sie ärgerte oder mit ihnen Streit hatte, dass im Grunde immer sie die Schuld hatten, wenn irgendetwas schief ging.

Später rechnete ich das dem leider manchmal recht schlichten, zur Vereinfachung neigenden Gemüt der kleinen Leute in Essen-Kray zu, die nur auf der Grundlage klar ersichtlicher Strukturen die Welt begreifen konnten und immer dann, wenn etwas nicht begreifbar war, dasselbe in all seiner Komplexität sozusagen deduktiv so weit reduzieren mussten, dass es begreifbar wurde.

Leider ist es schwer, auf diesem Wege zu der durchaus selbstkritischen Einsicht zu gelangen, wie blöd jemand aussieht, der mit Genuss eine Pizza ist und dabei über die Italiener schimpft. Dasselbe gilt für Gyros und Griechen, für Raki und Türken und natürlich auch für den Motek und die Polen: Niemand in Essen-Kray kennt einen Hammer.

Ebenso selten begegnete man in den Krayer Kneipen, in denen sich erschöpfte Männer am Feierabend auf ein Helles trafen, der Erkenntnis, dass es gerade die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet strömenden Polen gewesen waren, die maßgeblichen Anteil am industriellen Aufschwung des Landes und jedes seiner Einwohner hatten.

Diese im Kern gar nicht einmal bösartige, sondern in ihrer Schlichtheit tradierte und unreflektierte Ignoranz, gepaart mit dem unseligen deutschen Hang zur Ausgrenzung alles Fremden, bildete die solide Grundlage für eine Art friedlicher Koexistenz, die nur selten spürbar gestört wurde und es mir ermöglichte, meine völlig vorbehaltlose Selbstverständlichkeit im Umgang mit allen Bewohnern unseres Viertels beizubehalten.

Dass ich Essen-Kray schließlich verlassen, wenn auch nie vergessen habe, hat viele Gründe: Ausbildung, beruflicher Werdegang, die Liebe, der Hass – all das lässt die Menschen mindestens meiner Generation durch Raum und Zeit wandern. Menschen wie mein schlesischer Nachbar Peter, der seinen heimatlichen Lebensraum mit einem Radius von vielleicht 10 Kilometern nur für einige sehr wenige Wallfahrten zum immerhin rund 30 Kilometer entfernten Annaberg verlassen hat, sind auslaufende Modelle, die in unserer globalisierten Welt keine Chance mehr haben, ihr verdientes, leider viel zu oft kärgliches Gnadenbrot fristen und dabei kopfschüttelnd dem hektischen Treiben um sie herum zusehen.

Doch auch wenn mein Lebensweg mich von der Stätte meiner Kindheit und frühen Jugend entfernt hat, so bin ich doch im Herzen ein Junge aus Kray geblieben, der heute wagen darf, einen milden, dabei aber keinesfalls hochmütigen Blick auf all die kleinen und größeren Schwächen derer zu werfen, die mir in den ersten Lebensjahren den Weg gewiesen haben – so oder so.

Wenn ich anfangs davon sprach, dereinst dorthin zurückzukehren, woher ich komme, so meine ich damit allerdings nicht diese erste Heimat, sondern die zweite, die ganz anders und doch genauso ist wie Essen-Kray: mein schlesisches Dorf Biestrzynnik.

Sicher: Kray ist groß und urban, Biestrzynnik dagegen so provinziell und winzig, dass es nur in Spezialkarten verzeichnet ist. Überdies kenne ich hier keinen einzigen Kowalski, keinen Koslowski, keinen Piontek: In Biestrzynnik wohnen Peter Lipp, Hubert Pytel, Reinhold Kramp – relativ betrachtet sehr viel mehr Deutschstämmige als in Kray.

(Auszug aus einem unveröffentlichten Manuskript)

1 Kommentar »

  Johanna wrote @

Es ist immer ein Vergnügen Deine Texte zu lesen! Gruß!


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