Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenVon Uhren und alten Herren
Von Beginn an ziert unser Esszimmer eine alte Standuhr mit schönem Glockenschlag, der allerdings natürlich nur dann ertönt, wenn die Uhr auch läuft. In den ersten Jahren tat sie das recht und schlecht, dann begann sie vorzugehen, schließlich entschied sie sich für das Gegenteil und wurde immer langsamer und langsamer, bis sie am Ende ganz stehen blieb und jedenfalls von uns nicht mehr zu überreden war, sich zu besinnen und uns weiterhin mit ihrem Ton zu erfreuen.
Schließlich erinnerten wir uns daran, irgendwann im Dorf einmal von einem Uhrmacher gehört zu haben, der zwar offenbar schon lange in Pension war, sich mit kleineren Reparaturen aber gern ein paar Zloty hinzuverdiente.
Da Biestrzynnik mit einigen hundert Einwohnern recht überschaubar ist, reichte eine gezielte Nachfrage im kleinen Laden, um Name und Adresse des so dringend benötigten Spezialisten ausfindig zu machen.
Es dauerte schon einige Zeit, bis sich auf unser Klopfen hin ein Schlurfen der Haustür näherte, sich diese öffnete und sich im selben Augenblick die Frage erhob, wie dieser greise Mensch, der da vor uns stand, unserer Uhr wohl wieder Leben einhauchen könnte. Eher verhalten und schon mehr wieder dankend im Gehen begriffen schilderten wir deshalb die Sachlage, weckten damit aber unverkennbar das Interesse unseres Gegenübers, der zunehmend lebendig wurde und schließlich zusagte, sich das gute Stück einmal anzusehen.
Wenige Tage später stand er denn auch mit einem kleinen Köfferchen voll von Spezialwerkzeugen vor unserer Tür und machte sich nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Schwätzchen sogleich zielstrebig an die Arbeit.
In den ersten zwei Stunden leistete ich ihm Gesellschaft, lauschte seinen bedächtig erzählten Geschichten, beobachtete, wie er unzählige Male das Uhrwerk aus- und wieder einbaute, dort schraubte, hier klemmte, die Pendel ausrichtete, bis die Uhr wieder lief, zunächst fünf Minuten, dann zehn, schließlich fünfzehn, jetzt noch der Glockenschlag, eins, zwei, drei, vier, – 16 Uhr, jawohl, zwei Minuten später blieb das Pendel wieder stehen.
Und während ich so dasaß und dem alten Mann bei der Arbeit zusah, kamen mir Erinnerungen an meinen Urgroßvater, der in Essen-Kray im Erdgeschoss meines Geburtshauses sicher 50 Jahre lang eine Uhrmacherwerkstatt mit kleinem Ladenlokal betrieben hatte.
Ob er das Haus an der Krayer Straße mit den Geschäftserlösen hatte erwerben können, weiß ich nicht. Es ist wohl eher unwahrscheinlich. An Kundschaft jedenfalls, die sich auf den knarrenden Dielenbrettern des Ladens getummelt und interessiert die Auslagen begutachtet hätte, kann ich mich kaum erinnern. Wer in Kray hätte sich eine neue Uhr gekauft, wenn die alte noch irgendwie zu reparieren war? Vielleicht aber war genau das Urgroßvaters Vorteil, galt er doch dafür als ausgewiesener Spezialist. Offensichtlich konnte an einer Uhr nichts kaputt gehen, was er nicht hätte wiederherstellen können.
…
(Auszug aus einem unveröffentlichten Manuskript)
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