Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Von Hügeln und Fähren

Wenn hier schon mehrfach davon die Rede war, dass Schlesien so flach ist wie ein Tisch, dann gibt es davon natürlich einige Ausnahmen. Hier und da finden sich kleinere Erhebungen, die den Blick durchaus verstellen, andererseits aber auch eine gewisse topographische Spannung erzeugen.

Einer dieser Hügel ist der St.-Anna-Berg (pl. Góra Świętej Anny), der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges der wichtigste katholische Wallfahrtsort in Oberschlesien war. Es handelt sich um einen einzelnen Hügel in ländlich geprägter Umgebung auf dem Gebiet der Gemeinde Lesnica (dt. Leschnitz oder Bergstadt) zwischen Tarnowitz und Oppeln. Der Komplex besteht aus Wallfahrtskirche, Kloster und zahlreichen Denkmälern und Kapellen auf dem sogenannten Kalvarienberg. Zentrum der Wallfahrten ist eine 66 cm hohe Figur der Heiligen Anna Selbdritt aus Lindenholz.

Früher hieß der Annaberg „Chelmberg“, später wurde er Sankt Georgenberg genannt. Der jetzige Name, der mit dem Kult der Heiligen Anna verbunden ist, erschien erst später. Die Heilige Anna (hebräisch: Hannah), Mutter Marias, ist in der Bibel nicht erwähnt. Sie war laut mehreren apokryphen Evangelien des 2. bis 6. Jahrhunderts die Großmutter von Jesus Christus.

In den Jahren 1657 bis 1659 wurde auf dem Annaberg ein Kloster aus Holz errichtet, an dessen Stelle zwischen 1733-1749 das heutige gemauerte Kloster entstand, das seinerseits später einige Male umgebaut wurde. Auf diese Weise entstand das noch heute erhaltene barock-gotische Kirchengebäude.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Annaberg das Zentrum des religiösen Lebens in diesem Teil Schlesiens. Hierher kamen immer mehr Gläubige, auch aus den Nachbarländern. Um für alle Pilger während der gemeinsamen Andachten ausreichend Platz bereitzustellen, wurde das Gebiet des anliegenden Steinbruchs eingeebnet. 1912-1914 wurde die Lourdesgrotte gebaut. Um den sie umschließenden Platz wurden Kreuzwegstationen errichtet. Für die immer mehr zunehmende Anzahl von Pilgern wurde in den Jahren von 1929-1938 auf Veranlassung von Pater Feliks Koss ein neues Pilgerheim (ca. 2.000 Plätze) errichtet.

Für die Bedürfnisse der Pilger wurden mehrere Jahrzehnte lang Bücher und religiöse Publikationen sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch gedruckt. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren hier die Verlage von Franz Gielnik und Michael Rogier ansässig. Insbesondere den Verlagen verdankt sich die über einen langen Zeitraum währende Zweisprachigkeit des Annaberges. Es zeigt sich aber auch in den seit 1861 abgehaltenen Feierlichkeiten der größten Ablässe, die getrennt für polnisch- und deutschsprachige Gläubige begangen wurden. Dieser Zustand dauerte bis 1939 an, als ein Verbot für polnischsprachige Andachten in Oberschlesien erlassen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Andachten auf Polnisch gehalten. Zweisprachigkeit wurde 1989 mit der Sonntagsmesse in deutscher Sprache in der Pfarrei auf dem St. Annaberg wieder eingeführt.

Der St. Annaberg besitzt auch eine hervorgehobene politische Bedeutung. Bei der Abstimmung am 20. März 1921 über die Zukunft Oberschlesiens stimmten fast zwei Drittel der Wähler für einen Verbleib der Region bei Deutschland. In dem von Wojciech Korfanty organisierten 3. polnischen Aufstand versuchten polnische Freischärler mit offener Unterstützung der französischen Besatzungstruppen, Oberschlesien entgegen dem Abstimmungsergebnis Polen zuzuschlagen. Deutschland war durch die Vereinbarungen von Versailles und den Druck der französischen Siegermacht daran gehindert, gegen die Aufständischen vorzugehen. Lediglich inoffiziell konnte man den deutschen Widerstand unterstützen. Im Mai 1921 besetzten polnische Freischärler den strategisch wichtigen Annaberg und der Ort wurde zu einem Symbol für die beiden kämpfenden Parteien. Das Gebiet um den St. Annaberg war in dieser Zeit ein zentraler Ort der militärischen Auseinandersetzungen, die einen entscheidenden Einfluss auf das endgültige Ergebnis der Kämpfe hatten. Am 21. Mai 1921 erfolgte durch den aus deutschen Freikorps gebildeten Selbstschutz Oberschlesien im Sturm auf den Annaberg die Einnahme des Berges. Am 20. Oktober 1921 beschloss der Oberste Rat der Alliierten nach einer Empfehlung des Völkerbunds, das ostoberschlesische Industrierevier, das einem Drittel der Gesamtfläche Oberschlesiens entsprach, an Polen zu übertragen. Beim Deutschen Reich verblieb der zwar flächen- und bevölkerungsmäßig größere, vor allem jedoch eher agrarisch strukturierte Teil des Abstimmungsgebiets.

Dieses Ereignis wurde sowohl während des Dritten Reiches als auch während der kommunistischen Herrschaft in Polen durch nationale Propagandadarstellungen verklärt und der Berg wurde zur Gedenkstätte der Kämpfe von 1921.

Seit den Maikämpfen 1921 ist es also natürlich nicht mehr nur die heilige Anna Selbdritt, die dem Annaberg Anziehungskraft verleiht. Ein Blick in die Zeitungen der deutschen Landsmannschaften oder in die polnische Lokalpresse zeigt, mit welcher Sturheit sich die Verklärung der Geschichte im Sinne der jeweiligen Seite festgesetzt hat und zumindest auf offizieller Seite noch heute fortlebt.

Ich persönlich war im Jahre 1992 erstmals auf dem Annaberg und lernte ihn als jenen Ort kennen, an dem Maugas geparktes Auto sich zehn Jahre zuvor einmal den Berg hinab selbstständig gemacht hatte und erst durch einen harten Aufprall gegen eine Straßenlaterne zum Stehen kam. Die mit diesem Ort verbundenen religiösen und politischen Bedeutsamkeiten gerieten vor diesem Hintergrund, der zu anhaltendem Feixen verleitete, zur Nebensache. Inzwischen bin ich diesbezüglich ein wenig schlauer geworden, inzwischen auch ist der Annaberg ein wenig näher gerückt, da sich mein Schwager mit seiner Frau und den beiden Kindern gleichsam am Fuße des Annabergs in einer kleineren Stadt mit dem erstaunlichen Namen Szcwiedzowice niedergelassen hat.

Dieser Ort wiederum kann mit einer wirklichen Attraktion aufwarten: einer handbetriebenen Fähre über die Oder. Handbetrieben heißt in diesem Fall: Das Gefährt ist mit größen Ösen an einem über den Fluss gespannten Seil befestigt, an dem wiederum die Passagiere sich mitsamt dem fahrbaren Untersatz und allem, was darauf ist, gleichsam nach vorn ziehen müssen.

Spektakulär an all dem ist aber nicht nur das Gefährt und dessen Handhabung an sich; einen mindestens ebenso großen Unterhaltungswert hat es zu beobachten, wie die ansonsten wohl Fährmann zu nennende Person beharrlich so tut, als wäre sie es nicht. Und bei genauerer Betrachtung stellt sich in der Tat die Frage, wozu es überhaupt eines solchen Fahrzeugführers bedarf, es sei denn, es ginge lediglich darum zu kassieren und darauf zu achten, dass die Überfahrt erst mit einer ausreichenden Anzahl an Passagieren beginnt, und dies selbst dann, wenn auf der anderen Seite des Flusses wahre Horden warten würden.

Auszug aus einem bisher unveröffentlichten Text

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