Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenVon Bier und Polenreisen
Es war im Sommer 2002. Die Sonne stand noch immer hoch am nachmittäglichen Himmel, kein Lüftchen rührte sich und ich hatte mich zu den paar Schritten aufgerafft, die es brauchte, um Zeneks alten, zur Kneipe umgebauten Kuhstall zu erreichen.
Zenek, der in Schichtarbeit im Steinbruch schuftete, hatte vor einiger Zeit zusammen mit seiner Frau, die vormittags als Russischlehrerin in der Dorfschule tätig war, diesen Schritt in die nebenberufliche Selbständigkeit gewagt, weil sein Grundstück nur durch den kleinen Fahrweg von einem See getrennt ist, an den im Sommer schon seit längerem immer mehr Wochenendausflügler und Kurzurlauber aus der Umgebung strömten, dort ihr Zelt aufstellten, am frühen Morgen ihre Angelleine ins Wasser warfen und tagsüber mit der Familie im ruhigen Wasser plantschten. All diese Leute hatten Zenek und seine Frau auf die Idee gebracht, dass es ein lohnendes Geschäft sein könnte, ihnen bei Bedarf, der als sicher angenommen werden konnte, eine kühle Erfrischung anzubieten.
Obwohl es sicher keine schlechte Geschäftsidee war und die Angelegenheit auch gut anlief, hat Zenek diesen Nebenerwerb inzwischen wieder aufgegeben, da sich alsbald herausstellte, dass er selbst sein bester Gast war, die täglichen Einnahmen bis zum Abend versoffen hatte und unter dem Strich einfach nichts übrig blieb.
Damals aber ging der Laden noch und so saß ich unter der Terrasse auf einem zerbeulten Plastikstuhl hinter einem Glas Bier. Oder was man im dörflichen Schlesien für ein Glas Bier hält. Die Schlesier nämlich können vieles, sogar gutes Bier brauen, nur eines können sie gewiss nicht: Bier zapfen. Ein schlesisches Dorfkneipenbier sieht fast überall aus wie Hundepisse: eine gelbe, kohlensäurefreie Flüssigkeit ohne einen Hauch von Schaum. Ob es auch wie Hundepisse schmeckt, kann ich natürlich nicht beurteilen; erheblich wird der Unterschied nicht sein. Ich weiß ebenso wenig, ob es ein Überbleibsel der ehemaligen sozialistischen Mangelwirtschaft oder einfach nur Bequemlichkeit ist, die durch zu viel Kohlensäure beim Zapfen gefährdet wäre. Tatsache bleibt, dass die Schlesier ein solches Bier nicht nur ungebetenen Gästen vorsetzen, nein, sie trinken es mit großem Genuss selbst. Hauptsache schal und warm. Letztlich aber gewöhnt man sich auch daran und kommt man nach einiger Zeit in eine größere Ortschaft, in der man schon etwas von Zapfkultur gehört hat und wird plötzlich mit einem ordentlichen Bier konfrontiert, ist man sogar leicht irritiert. Zur Ehrenrettung der Schlesier sei daran erinnert, dass sie mit ihrer eigenartigen Vorstellung von einem gelungenen Bier in Europa ja durchaus nicht allein dastehen. Vielleicht sind wir Deutschen da ja auch etwas zu pingelig.
So saß ich also da im wohltuenden Schatten, betrachtete versonnen mein Bier, nahm als abgehärteter Kenner der Szene auch den einen und anderen wagemutigen Schluck, bis Hubert mit seinem Traktor vorfuhr und sich entschloss, mir Gesellschaft zu leisten. Schnell kam ein Gespräch über die alltäglichen Bedeutsamkeiten in Gang, ein zweites Bier löste das erste ab, bis Hubert darauf zu sprechen kam, dass er morgen in geschäftlichen Angelegenheiten verreisen müsse. Nun lässt sich bei Hubert nicht eindeutig klären, worin seine Geschäfte jeweils bestehen: Er macht alles, nennt einen umfassenden Maschinen- und Fuhrpark sein eigen und ist im Grunde überall dort zur Stelle, wo etwas gefummelt werden muss. Autos natürlich bilden die Ausnahme – die sind Rolands Sache.
„Was liegt denn an“, fragte ich. „Wohin geht die Reise?“
„Nach Polen“, antwortete er mit einer Selbstverständlichkeit, die mich im ersten Moment daran hinderte, aufzuhorchen. Erst mit einer reichlichen Verzögerung dämmerte mir das Widersprüchliche in dieser Aussage, kam mir zur Bewusstsein, dass ich eigentlich davon auszugehen hatte, bereits in Polen zu sein.
„Wie, nach Polen?“, fragte ich also, nachdem mich die Verständnislosigkeit schließlich gänzlich eingeholt hatte…
Die Fortsetzung findet sich im Schlesischen Tagebuch Bd.1, 56 Seiten, Format A4, Klebebindung mit zahlreichen farbigen Fotos, für 15 Euro bestellbar hier.
Bisher keine Kommentare »
Dein Beitrag
HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>