Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenVom Leben und Sterben
Der 29. Juni ist Peter und Paul. Einem guten Katholiken muss ich das nicht sagen, ebenso wenig, dass Peter an diesem Freitagmorgen natürlich zur Kirche radelte, um seinen Namenstag angemessen zu eröffnen und auf dem Nachhauseweg im kleinen Dorfladen auch schon mal das erste Bierchen zu sich zu nehmen. Immerhin hatte er nur bis mittags Zeit, seinen Festtag zu begehen, dann schließlich war Paul dran.
Trotzdem hatte Peter für den Nachmittag zum Kaffee geladen, anschließendes Grillen inbegriffen, die ortsüblichen Spirituosen ebenso.
Es war ein lauer Tag ohne großen Wind, die Wolken rissen immer wieder auf, um der sommerlichen Sonne zumindest einen gelegentlichen Blick auf die Szenerie auf Peters Hof zu gestatten.
Es war der Tag, an dem wir zum ersten Mal Karina wiedersahen, zum ersten Mal seit dem Herbst des vergangenen Jahres, als ihr Mann Krzystof, Peters älterer Sohn, früh morgens um fünf in die Küche ging und nicht mehr wiederkam.
Damals – das war der Tag unserer Abreise gewesen.
Der Abschied von Freunden und Bekannten am Vorabend war einigermaßen gesittet ausgefallen, so dass wir beschlossen hatten, möglichst früh am Morgen aufzubrechen, um gemütlich und ohne jede Hast zurück nach Deutschland zu fahren, ein Vorsatz, den wir zwar schon oft gefasst hatten, doch nur selten umsetzen konnten, sei es, dass der Schädel brummte und ein motorisiertes Vorankommen so vielleicht möglich, letztlich aber ungesetzlich gewesen wäre, sei es, dass in letzter Minute irgendetwas anderes dazwischen kam und die Abfahrt verzögerte. Diesmal hingegen schienen die Chancen gut.
Früh im Bett waren wir rasch eingeschlafen und wären zur vereinbarten Stunde auch erholt aufgewacht, hätte uns nicht ein Sturmläuten an der Haustür vorzeitig aufgeschreckt.
Nun ist man in Schlesien vieles gewöhnt, doch von Besuch morgens um sechs so unsanft geweckt zu werden, war uns bislang noch nicht untergekommen und ließ bei aller Schläfrigkeit sofort etwas Besonders, wenn nicht Böses ahnen.
Notdürftig bekleidet und noch relativ schläfrig stolperte Mauga zur Haustür, wo sich alsbald ein Schluchzen und Jammern erhob, das mein schon sowieso ungutes Gefühl weiter verstärkte.
Es war der Morgen, an dem Krzystof um fünf in die Küche gegangen und dort tot umgefallen war. Vierzig Jahre nur hatte sein Herz durchgehalten, dann blieb es stehen, an einem kühlen Herbstmorgen um fünf.
Eben darum stand nun Peter vor unserer Haustür, fahrig gestikulierend, seine ohnmächtige Fassungslosigkeit in stammelndes Heulen formend; keiner von uns allen verstand wirklich, was da geschehen war.
Was auch war daran zu verstehen, dass ein gesunder Mann, der niemals einer Arbeit aus dem Wege gegangen war, um sich und seiner schönen Frau ein angenehmes Leben zu ermöglichen, dass ein Mann, der zwar kein Bär war wie so viele andere, der dafür eine Brille trug und diesen melancholisch-nachdenklichen Gesichtsausdruck hatte, der ihn in unserem Dorf in den Stand eines Intellektuellen gehoben hatte, was war daran zu verstehen, dass so einer aus heiterem Himmel wie vom Blitz getroffen ganz einfach tot umfällt?
Noch dazu, als längst ausgemacht war, dass er Anfang der nächsten Woche zum letzten Mal für sechs Wochen nach Holland fahren wollte, um dort bei der Feldarbeit das Geld zu verdienen, das gereicht hätte, bis ins neue Jahr zu kommen und dann auf der Hütte im benachbarten Ozimek eine feste Stelle anzunehmen, die auch recht ordentlich bezahlt war, die aber – dies vor allem – ein normales Familienleben ermöglicht hätte mit alle dem, was jenen, die es haben, allzu oft zur gar nicht mehr wahrgenommenen Selbstverständlichkeit wird: die Nacht mit der Liebsten zu verbringen, sie am Frühstückstisch über den Zeitungsrand hinweg zu beobachten und verliebt zu ahnen, wie glücklich man ist, am Feierabend Hand in Hand einen langen Spaziergang zu machen oder auch mit Freunden um die Häuser zu ziehen.
All das hat Krzystof viel zu selten erlebt, immer nur dann, wenn er für wenige Urlaubstage zurück kam zu seiner Frau, zunächst aus Deutschland, später dann aus Holland, weil man dort längst mehr verdienen konnte.
Gelegentlich hatte er sie auf eigene Kosten mitgenommen, um die Trennung zu vermeiden, doch da er ihr verbot, ihrerseits auf den Feldern zu arbeiten, waren beide schnell dem Spott der Kollegen ausgesetzt: Krzystof bei den Männern, die ihn für einen Weichling hielten, der ohne seine Frau nicht konnte, Karina bei den Frauen, die ihr unterstellten, sie halte sich für etwas besseres und verbringe die Zeit lieber mit der Maniküre als auf dem Feld.
So ließen sie es und fortan fuhr Krzystof wieder allein.
Das war die Zeit, als ein gewaltiger Exodus junger, kräftiger, intelligenter und arbeitswilliger Menschen, der auch Krzystof mit fortgetrieben hatte, zumindest das ländliche Schlesien binnen kurzer Zeit zu einem Altenheim gemacht hatte. Ohne Arbeit, ohne jede Perspektive, eine Familie oder auch nur sich selbst mit einer redlichen Tätigkeit vernünftig ernähren zu können, machte es für die meisten keinen Sinn, länger zu bleiben. Zurück blieben die, die altersbedingt nicht mehr arbeiten konnten, die, die es nicht mussten und auch die, die es nicht wollten. Nur ganz wenige wie Roland oder Hubert haben es geschafft, als Selbständige ein Auskommen zu erwirtschaften, das den Verbleib in der Heimat möglich macht.
(Auszug aus einem unveröffentlichten Manuskript)
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