Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Verlassen und verlassen sein

Unsere Situation in Schlesien ist eigentlich sehr ähnlich der, die sich – seit ich zurückdenken kann – einige Male im Jahr in meinem Geburtshaus in Essen-Kray ergab.

Während Urgroßoma, Urgroßopa und Großtante das Erdgeschoss belegten, wohnte in der mittleren, komplett eingerichteten Etage praktisch das ganze Jahr über niemand. Nur wenn Tante Anneliese, die zweite Tochter meiner Urgroßeltern, mit ihrer fünfköpfigen Familie aus England zu Besuch kam, eine gemischte englisch-deutsche und immer lautstarke Konversation durch die Wohnungstür drang und der typische Geruch englischer Zigaretten sich im Hausflur ausbreitete, kehrte Leben in diesen Teil des Hauses ein.

Ganz ähnlich verhält es sich mit unserem Haus an der Dobrodzienska, das bis auf einige Wochen im Jahr leer steht und dann von unserem Nachbarn, Freund und Hausmeister Peter regelmäßig inspiziert wird.

Diese wenigen Wochen, in denen Mauga und ich dann dort residieren und Teil der kleinen Dorfgemeinschaft werden, machen wiederum den Unterschied zu sehr vielen anderen Häusern in unserer Umgebung aus, die völlig verlassen dem allmählichen Verfall preisgegeben sind, bis nichts mehr als Erinnerungen auf jene hinweisen, deren Spuren sie eigentlich sind:

Auf all jene nämlich, die ab dem Ende der achtziger Jahre als Spätaussiedler anerkannt wurden und oftmals Hals über Kopf Haus und Hof zurückließen, um im Westen ein besseres Leben zu suchen.

Dass es alle gefunden haben, dass alle glücklich wurden, die ihr kleines funktionierendes Sozialgefüge in ihrem Heimatland verließen, um sich in einer winzigen Wohnung im „blok“, so wie hierzulande die vielgeschossigen gesichtslosen Mietshäuser genannt werden, wiederzufinden, Grillabende mit Schicksalsgenossen auf dem engen Balkon zu verbringen, sofern denn die Nachbarn von oben, unten und seitwärts nicht ihre typisch deutschen Beschwerden äußern, dass so ein Leben wirklich lebenswerter ist als das zurückgelassene, darf sicherlich bezweifelt werden, selbst wenn im Wohnzimmer ein besserer Fernseher steht und in der Garage ein größeres Auto.

(Auszug aus einem unveröffentlichten Manuskript)

Bisher keine Kommentare »

Dein Beitrag

HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>