Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenÜber die Definition und Verteilung von Geschlechterrollen im Kontext des schlesischen Landlebens, aber auch darüber hinaus
Die Zeiten ändern sich. Doch manche Dinge bleiben. Zumindest in den Köpfen. In meinem Kopf ist es die Vorstellung von einem richtigen Mann. Diese Vorstellung hat all die Jahre überdauert, selbst wenn ich als mehr oder minder bewegtes Exemplar meiner Gattung gar nicht leugnen kann oder will, dass es in den vergangenen zwanzig Jahren praktische Veränderungen gegeben hat, die – das Gesamte im Blick – die Lebensbedingungen – vielleicht sogar auch für mich selbst – verbessert haben. Wollen wir darüber nicht streiten.
Die alte, wohl überholte, weil von männlicher Stärke und Beharrlichkeit geprägte, irgendwie auch romantische Vorstellung davon, was ein Mann sei, hat – ich muss es zugeben – dennoch einen sehr beharrlichen Charakter – dies möglicherweise umso mehr als ich selbst niemals auch nur annähernd diesem Bilde ähnlich war.
Einer, der dagegen dieser Vorstellung im wahren Leben voll und ganz entspricht, ist mein Nachbar Pjotr. Oder sagen wir: Er war es. Heute ist er Rentner, frönt – bei aller notgedrungenen Bescheidenheit – den angenehmen Dingen des Lebens und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Dass er dafür jeden Sonntag zur Kirche radelt, um ein wenig schönes Wetter zu machen, ist als bauernschlau-taktisches Manöver zu verstehen und dient sicher nicht zuletzt auch der Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens. Andererseits aber müsste auch der liebe Gott einsehen, dass Pjotr es verdient hat, im fortgeschrittenen Alter seine Pflichtaufgaben etwas laxer anzugehen. Dafür hat er schließlich sattsam vorgearbeitet.
Vierzig Jahre Knochenjob in der Hütte, vierzig Jahre lang bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad sieben weite Kilometer hin und wieder zurück, vorher die Tiere füttern, Kühe melken, nach der Schicht aufs Feld. Und abends dann ein Bier – oder zwei oder auch mehrere, aber das war mit Blick auf den nächsten Morgen schon wieder gefährlich.
Nun ließe sich einwenden, dass all das noch nichts mit der Frage zu tun hat, was ein Mann sei. Immerhin ist die pflichtbewusste und möglichst gute Erledigung der auferlegten oder auch selbst gewählten Aufgaben kein männliches Privileg. Ich lasse das gelten, wiewohl ich meinerseits natürlich darauf verweisen könnte, dass auch Humphrey Bogart immerhin ein Mann ist, Marilyn Monroe dagegen nicht. Irgendwo gibt es doch nicht zu leugnende Unterschiede – zumindest in der Wahrnehmung, vermutlich sogar im Gegenstand selbst.
Ein Unterschied zwischen dem Mann Pjotr und seiner Frau Traudla zum Beispiel manifestiert sich beinahe täglich: Niemals etwa käme Pjotr auf die Idee, seine gerade bei der Nachbarin zum Kaffeeplausch weilende Frau quer über das Feld krakeelend nach Hause zu zitieren, weil er sich einsam und verlassen fühlt. Statt sie einer solchen Peinlichkeit auszusetzen, würde er eher nach der in der zweiten Schublade von unten zwischen Handtüchern versteckten Flasche suchen und in Ermangelung weiterer Gesellschaft ein Gläschen Vodka zu sich nehmen, um das an sich trostlose Warten auf seine bessere Hälfte ein wenig zu versüßen. Wenn Zeit genug bliebe, wäre natürlich auch das zweite Gläschen nicht auszuschließen.
Umgekehrt verhält es sich ein wenig anders: Kaum hat Pjotr den Weg zum Nachbarn gefunden und das Glas erhoben, lassen sich vom heimischen Hof aus militärisch anmutende Kommandos in unmilitärisch hohen, ich will nicht sagen schrillen Tonlagen vernehmen, die eine rasche Rückkehr dorthin durchaus ratsam erscheinen lassen.
Die Fortsetzung findet sich im Schlesischen Tagebuch Bd.1, 56 Seiten, Format A4, Klebebindung mit zahlreichen farbigen Fotos, für 15 Euro bestellbar hier.
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