Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Schwein machen

Die Fleischvorräte hatten ausgereicht, um die siebenköpfige Familie durch den Winter zu bringen, doch nun, Mitte März, nahm sich Krysias Eistruhe bedenklich leer aus. Es wurde Zeit, sie aufzufüllen und dies geschieht im ländlichen Schlesien immer noch in Eigenregie.

Abgesehen von jenen seltenen Fällen, in denen dem in der ortsüblichen Geruhsamkeit über die einsame Landstraße Fahrenden ein kapitales Stück Wild vor das Fahrzeug läuft, möglicherweise begünstigt auch dadurch, dass man rechtzeitig Gas gibt, abgesehen also von diesen schicksalhaften Ereignissen, begibt man sich im Normalfall dorthin, wo Schweine wachsen, sucht sich mit Kennerblick das beste heraus, vereinbart mit einem Schlachtkundigen einen Termin, stellt Bier kalt und Vodka warm, informiert auch die Oma, weil ihr eine besondere Arbeit zukommen wird und macht sich zum festgesetzten Termin daran, die arme Kreatur zu ermorden, zu zerlegen und zu essbaren Köstlichkeiten zu verarbeiten.

Dass es mir einmal widerfahren würde, an einer solchen bemerkenswerten Prozedur tatkräftig teilnehmen zu können oder soll ich sagen: als guter Nachbar teilnehmen zu müssen, hätte ich mir nie träumen lassen und wenn, dann hätte dieser Traum nicht schlimmer sein können als die Realität es wurde.

Immerhin gehöre ich zu jenen, in den auslaufenden fünfziger Jahren mitten im Ruhrgebiet geborenen Großstadtkindern, welche die beim Einkauf von der gut genährten Metzgersfrau an die Kinder verteilte Scheibe Mortadella zumindest in den ersten Kindheitsjahren zunächst nicht notwendigerweise mit der Vorstellung von einem konkreten Tier in Verbindung brachten, ja welche einem wahrhaftigen Rindvieh sozusagen in freier Wildbahn oftmals erst nach Ablauf der wichtigsten Sozialisationsphasen begegnet sind. Ich habe das – ehrlich gesagt – nie als eklatanten Mangel empfunden und es hat mich vermutlich davor bewahrt, zu leichtfertig oder vorschnell ins Lager der Weleda-Naturkostfreunde zu wechseln. Ich bin auch in dieser Hinsicht ein wenn schon nicht eingeborener, aber umso überzeugterer Schlesier: Eine vernünftige Mahlzeit muss nicht bunt sein, es reicht ein ordentliches Stück Fleisch mit viel Soße – alle weiteren Zutaten haben ausschließliche Dekorationsfunktion, sind also überflüssig.

Wiewohl ich also ein unverbesserlicher Fleischfresser bin, will ich durchaus nicht in Abrede stellen, dass die Ereignisse jenes Tages, an dem ich zum willfährigen Mordsgesellen wurde, diese Überzeugung für geraume Zeit bedenklich ins Wanken brachten.

Es war ein kühler, sonniger Frühlingstag, an dem Roland mich abholte. Unser Ziel war der nicht weit entfernte Hof eines bekannten Feierabendlandwirtes einige Dörfer weiter. Dieser führte uns sogleich in den Stall, wies auf eine stattliche Sau, die Roland schon einige Tage zuvor ausgewählt hatte und irgendwie gelang es, das doch eher widerborstige, vermutlich Böses ahnende Tier auf den Hänger zu bugsieren. Nachdem der Handel mit einem kleinen Glas im Stehen besiegelt war, ging es in langsamer Fahrt zurück.

Janek, ein gelernter Fleischer, der jedoch schon seit Jahren auf der Hütte in Ozimek arbeitet und nur noch dann seinem eigentlichen Beruf nachkommt, wenn man ihn zur Schlachtung ruft, war schon eingetroffen. Sein Sezierbesteck, bestehend aus Beilen, Messern aller Größen, Haken und ähnlichen Gerätschaften funkelte ordentlich ausgebreitet bereits in der lauen Frühlingssonne.

Derweil wurde das Tier auf dem Hänger immer unruhiger und ich kann nicht leugnen, dass es mir eigentlich nicht viel anders ging, mit dem einen nicht unwichtigen Unterschied vielleicht, dass mir niemand an den Kragen wollte.

Meine eigene Befindlichkeit stand jedenfalls in recht krassem Gegensatz zu der routinierten Geschäftigkeit der anderen Akteure, ein Umstand, den ich allerdings– wollte ich meinen mir über die Jahre hinweg erworbenen Status als zumindest halbwegs brauchbares Mannsbild nicht gefährden – tunlichst nicht zu offensiv zur Schau stellen sollte.

Eigentlich ist es nämlich so, dass mich die männliche Bevölkerung unserer Gemeinde mit mildem und eher nachsichtigem Lächeln integriert hat, ohne mich wirklich für voll zu nehmen, ein Umstand, der bei genauerer Betrachtung denn auch wenig verwundern kann: Wozu soll einer, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, den Bleistift zu halten, denn nütze sein? Dass es auch für Leute wie mich durchaus Verwendungszwecke gibt, haben indes einige schon begriffen und ich bin guter Hoffnung, dass unsere Beziehungen auf der Basis der wechselseitigen Ergänzung weiter gedeihen werden. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei, dass ich für die meisten Dinge, denen in unserem Dorf Relevanz zukommt, wenig Eignung zeige, fürs Schlachten vielleicht die geringste.

Ich will mich daher – schon aus reinem Selbstschutz – auch nicht in detailgetreuen Schilderungen des Mordfalls verlieren und über den Gang der Dinge weitgehend den Mantel des barmherzigen Vergessens decken, ich will nicht sprechen davon, wie ich am rechten Hinterbein des armen Schweins festgeklammert dessen fluchtbereiten massiven Körper fixieren musste, damit der tödliche, zumindest betäubende Hammerschlag nicht allzu oft daneben ging, ich will auch gar nicht bekennen, dass mir in diesen Momenten die Lust auf Eisbein, Schnitzel und Leberwurst mit einem Schlag vollends verging – ich will lieber reden davon, was mir schließlich den Rest gab.

Kaum nämlich, dass der inzwischen leblose Tierkörper kopfüber in der Einfahrt zum Werkzeugschuppen hing, trat Rolands inzwischen ebenfalls – allerdings an Altersschwäche – verstorbene Oma auf den Plan, verlangte mit einer Pfanne in der Hand nach dem Hirn des Tieres, um augenzwinkernd die Präsentation einer wohlschmeckenden Zwischenmahlzeit anzukündigen, die besonders bei Männern sehr positive Wirkungen zeitige.

Während ich noch der Frage nachhing, welche Wirkungen der Genuss von gebratenem Schweinhirn außer Brechreiz wohl nach sich ziehen könne, war sie mit gefüllter Pfanne schon wieder im Haus verschwunden.

Ein Glas mit klarer Flüssigkeit, das mir in diesem Moment mit breitem Grinsen Roland reichte, brachte mich kurzfristig auf andere Gedanken. Offensichtlich war mit der Hängung des Schweines eine Zäsur erreicht, die nach dem ortsüblichen Ritual nach einer Flasche verlangte und ich muss zugeben, dass ich es noch selten so nötig hatte, meine Befindlichkeit mit Alkohol zu korrigieren wie in diesem Moment.

Auszug aus einem bisher unveröffentlichten Text

Bisher keine Kommentare »

Dein Beitrag

HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>