Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenRechtsfragen
Waldemar ist unser polnischer Anwalt. Hier heißt es Adwokat, was mich zwar mehr an den gleichnamigen Eierlikör erinnert, eine Assoziation indes, die mit Blick auf Waldemar und seine büroeigene Ausstattung mit alkoholischen Getränken gar nicht so weit entfernt liegt. Zu einem erfolgsorientierten Gespräch nämlich gehört hier unstrittig ein gefülltes Glas und wollte man Waldemars beruflichen Erfolg in eine proportionale Relation mit seinem Alkoholgenuss stellen, so müsste man ihn fortwährend im Dauerdelirium antreffen. In der Tat nämlich gehört Waldemar zu den erfolgreichsten und angesehensten Anwälten Schlesiens und schon deshalb wären seine Dienste für uns unbezahlbar, wenn er nicht ein alter Freund der Familie wäre. So hat zum Beispiel er es geschafft, im fast aussichtslosen Ringen mit der polnischen Justizbürokratie in nur drei Jahren die Anerkennung unserer in Deutschland erfolgten Heirat und die entsprechenden Veränderungen in Maugas Dokumenten durchzusetzen.
Dass sich Waldemars Erfolg mitunter auch auf gute Kontakte zur Unterwelt gründet, mag der Fall illustrieren, mit dem Maugas Bruder ihn seinerzeit beauftragte. Dieser nämlich war in Warschau an einer roten Verkehrsampel kurzerhand aus seinem nagelneuen Auto gezerrt worden, was ihm nicht nur einen gehörigen Schreck und einige leichtere Verletzungen einbrachte, sondern auch überaus desillusionierende Erfahrungen mit den polnischen Polizeibehörden. Nachdem sich nämlich sehr schnell herausstellte, dass von dieser Seite aus bis auf die Aufnahme einer Anzeige keine weitere Hilfe zu erwarten war, sollte Waldemar es richten. Was geschah? Eines einzigen Telefonates bedurfte es, damit sich das Fahrzeug zwei Tage später kommentarlos vor der Kanzlei wiederfand.
Man mag dies bewerten wie man will, im Erfolgsfall hält sich die Skepsis an den Methoden in Grenzen. Andererseits sind die polnischen Ganoven möglicherweise sowieso nicht so hart gesotten wie sie oftmals geschildert werden. Zumindest legen sie offensichtlich Wert darauf, dass ihr Handeln in sicherlich jeweils angepassten und individuell flexiblen Grenzen mit dem göttlichen Willen weitgehend in Einklang steht.
Zu diesem Schluss jedenfalls kam ich, als ich vor einigen Jahren die Zeitung aufschlug und einen interessanten Artikel las. Die Rede war von einem Autodieb, der unwissentlich den Dienstwagen eines Pastors geklaut hatte, diesen aber unverzüglich wieder zurückbrachte, nachdem er Kenntnis davon erlangt hatte, wer sein Opfer gewesen war. Unter dem Scheibenwischer klemmte übrigens ein Entschuldigungsschreiben mit der abschließenden Bitte, beim lieben Gott ein gutes Wort einzulegen. Um ähnliche Pannen zu vermeiden, wolle man überdies beim nächsten Mal vor der Tat aufmerksam prüfen, wem das Fahrzeug gehöre. Gott also möge ihm verzeihen.
Manchmal übrigens werden Probleme dieser Art aber auch auf ganz informellem Wege untereinander einer Lösung zugeführt. Ich erinnere mich noch gut, wie mir Peter eines frühen Abends auf unserer Dorfstraße entgegenkam, was nicht an sich bemerkenswert war, da in dieser Richtung die Kneipe liegt. Iriitiert war ich, dass er zu Fuß unterwegs war, ausgerechnet er, der jede Strecke, die mehr als etwa 10 m beträgt, nur mit dem Fahrrad in Angriff nimmt. Dieses aber war ihm vor der Kneipe gestohlen worden.
Nun ist so etwas wiederum gerade in Krefeld sicherlich ganz und gar nichts Besonderes; allein uns sind hier in den vergangenen Jahren fünf Räder geklaut worden. Auf dem schlesischen Land dagegen verhält es sich anders. Niemand schließt sein Rad irgendwo an oder ab, kaum jemand besitzt überhaupt ein Schloss. Und da sich auch niemand daran erinnern kann, dass irgendwo jemals ein Rad geklaut worden wäre, stellte diese unfassbare Tat, deren Opfer nun Peter geworden war, nicht nur einen materiellen Schaden und eine signifikante und inakzeptable Einschränkung von Peters Mobilität dar, sie kam überdies einem moralischen Skandal gleich. Es gibt eben Dinge, die tut man nicht.
Eben deshalb schlug der Vorfall Wellen weit über unser Dorf hinaus und so war es nicht weiter verwunderlich, dass der Täter sehr bald ermittelt war. Ich will in diesem Zusammenhang nicht etwa von ungesetzlicher und damit abzulehnender Lynchjustiz sprechen; dennoch machte es auf den armen Sünder einen sehr nachhaltigen Eindruck, als eines spätsommerlichen Abends im milden Rot der untergehenden Sonne eine Horde erzürnter Kerle bei ihm vorsprach und sehr nachdrücklich, das heißt auch mit Hilfe einer sehr detaillierten Schilderung der zu erwartenden Alternativen, um die Herausgabe des Fahrrades bat. Da sich beim gemeinsamen Leeren der daraufhin eilig herbeigeholten Flasche Vodka herausstellte, dass es sich seinerzeit um ein höchst unglückliches und bedauerliches Missverständnis gehandelt hatte, für das es eigentlich dennoch kaum eine Entschuldigung gab, wurde der Kasus zu den Akten gelegt, die Eingreiftruppe zog sich zurück und Peter hatte sein Fahrrad wieder.
Wenn wir damit sowieso gerade beim heiklen Thema Diebstahl sind, wäre es vielleicht auch an der Zeit, die in Deutschland herrschenden Klischees ein wenig aufzubrechen.
Natürlich stimmt es: Vor allem Autos werden in Polen gestohlen, wenn auch in zunehmend geringerem Ausmaß als noch vor einigen Jahren. Damals verging in der Tat keine Woche, in der nicht irgendjemand von irgendjemandem aus der näheren oder weiteren Bekanntschaft berichten konnte, dem das Auto auf diesem Wege abhanden gekommen war.
Heutzutage sind die Dinge etwas spezifischer.
Die Fortsetzung findet sich im Schlesischen Tagebuch Bd.2, 56 Seiten, Format A4, Klebebindung mit zahlreichen farbigen Fotos, für 15 Euro bestellbar hier
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