Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenPünktlichkeit ist eine Zier…
In manchen Fragen duldet Krysia keinen Widerspruch. Wenn sie etwa zum Essen, zum Kaffee oder überhaupt zu irgendetwas in ihr Haus einlädt, hat man pünktlich zu sein. Dass es mitunter wahrhaftige, vielleicht sogar entschuldbare Gründe für eine Verspätung gibt, sei es, dass Mauga über Art und Positionierung eines Pinselstrichs nachdenkt, sei es, dass ich mich in einem Satz verfangen habe, dem noch der Punkt fehlt, all das wischt Krysia im Ernstfall mit einer rigorosen Handbewegung und dazu passender strenger und verständnisloser Mine vom Tisch. Wenn Krysia eine Uhrzeit nennt, zu der man zu erscheinen hat, dann meint sie diese Uhrzeit.
Noch heikler sind Einladungen ohne feste Terminierung. Natürlich kann der Eingeladene einen möglichen Zeitraum ungefähr umreißen, wenn es beispielsweise um den nachmittäglichen Kaffee geht, doch bleibt so oder so nichts anderes übrig, als auf Abruf bereit zu stehen. Dieser nämlich erfolgt spontan, gerade so, wie es Krysias persönlicher Zeitplan gerade zulässt. Einen vielleicht notwendigen Verweis darauf, dass man nun gerade nicht von jetzt auf gleich den Pinsel oder Bleistift fallen lassen könne, ereilt das schon oben beschriebene Schicksal: ein gestrenger Blick, der jeden Gedanken an sogar vielleicht berechtigten Widerspruch im Keim erstickt und wenn das nicht hilft: eine schneidende verbale Zurechtweisung, die selbst bei Unkenntnis des benutzten speziellen Vokabulars keinesfalls zu missdeuten ist und aus dem in Erwartung der erfahrungsgemäß präsentierten Köstlichkeiten auf Krysias Tisch freudig erregten Gast einen nurmehr kleinlaut trottenden Pudel macht, der zum Futtertrog geführt wird.
Natürlich ist diese anfängliche Missstimmung, sofern der wissende Gast es überhaupt so weit kommen lässt, in Sekundenschnelle verflogen. Krysia fährt auf, dass der Tisch sich bedenklich biegt und wird höchstens dann noch einmal grantig, wenn nicht alles bis auf den letzten Krümel verzehrt wird.
Natürlich kann man sich mit einigem guten Willen auf derartige Besonderheiten einer schlesischen Einladung einstellen. An eben diesem guten Willen jedoch hat es mir persönlich in den ersten Jahren gemangelt, da Pünktlichkeit, die ja bekanntlich eine Zier ist, in Schlesien offenbar immer nur für den anderen Bedeutung hat.
Ich habe es noch nicht ein einziges Mal erlebt, dass irgendein Gast einer unserer Einladungen gefolgt wäre, ohne mindestens eine Stunde Verspätung zu haben. Auch der Hinweis meiner Schwiegermutter darauf, dass der gemeine Schlesier allerdings wohl immer nur für sich selbst gültige und geduldete, besonders geartete Vorstellungen von der Zeit hat, hilft mir dann nicht weiter, wenn mir die Würstchen auf dem Grill verkohlen.
Natürlich ließe sich – nicht einmal ohne eine gewisse Berechtigung – einwenden, dass man sich auch darauf einstellen kann. Warum lege ich denn die Würstchen überhaupt so früh auf den Rost? Die Antwort darauf kann eigentlich nur so lauten: Irgendwann muss ich sie auf den Rost legen. Damit zu warten nämlich, bis dann doch jemand kommt, kann schlimmstenfalls mit dem Hungertod enden.
Auszug aus einem bislang unveröffentlichten Text
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Pünktlichkeit ist eine Zeir,es geht auch ohne Ihr!!!!