Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenNach Osten
Über etwa 60 km führt die Straße durch Birken und Kiefernwälder. Bei Sonnenaufgang haben wir die Grenze überquert, rasch wird es heller und schon um diese frühe Morgenstunde huschen beidseits des Weges Menschen vorbei, die verschiedensten Waren feilbietend: frisch gepflückte Waldbeeren, Pilze, allerlei Souvenirs oder auch sich selbst. Junge Frauen, knapp bekleidet, aber doch weniger in aufreizender Pose denn eher abwartend gelangweilt, mitunter in ein Buch vertieft; ihre Kunden bedürfen bei ihrer Suche nach der schnellen Erleichterung keiner weiteren Animation.
In den kleinen Cafes, die im Abstand von wenigen Kilometern den Reisenden zur Einkehr locken, treffen wir sie wieder und blicken in müde und doch allwissende Gesichter, die einige Minuten fern ihres tristen Geschäftes bei jenem Getränk ausruhen, das in der Speisekarte als Kawa Turecki zu finden ist, im Volksmund aber nur als „Kaffee mit Füßen“ vorkommt: drei bis vier Löffel scharf gebranntes Kaffeepulver im henkellosen Becher mit kochendem Wasser aufgegossen – kein ästhetischer, aber geschmacklich höchst vollkommener Genuss, sofern man es versteht, das heiße Gefäß trotz fehlendes Griffs überhaupt an den Mund zu führen.
Zum Kaffee genießen wir gekochte heiße Wurst mit einer Menge süßem Senf und einem Brötchen, das in Deutschland größenmäßig als Brot durchginge. Es schmeckt großartig, nicht nur weil wir die ganze Nacht gefahren und hungrig sind, sondern weil es schlicht und einfach gut ist. Schade, dass unter den tausenden verschiedenen Würsten in Deutschland nicht eine auch nur annähernd an diesen Genuss heranreicht.
Ein weiteres Mädchen kommt herein, bestellt an der Theke einen Kaffee, bezahlen wird sie am Ende des Monats, in bar oder natural. Sie setzt sich zu den anderen, die gerade im Begriff waren zu gehen, jetzt aber doch noch auf ein Schwätzchen bleiben.
Selten übrigens, eigentlich nie sind dabei die Freier ein Thema: nicht der verschwitzte LKW-Fahrer aus Weißrussland, nicht die halbwüchsigen und doch schon so erwachsenen Milchgesichter, die ein Mädchen nur zu Dritt schaffen, nicht der neureiche Magnat mit schwerer schwarzer Limousine, in denen sich die Ledersitze auf Knopfdruck in ein französisches Bett verwandeln, auch nicht der vor wenigen Jahren in den Westen gegangene Nachbar, der seitdem von Heimweh gezeichnet seine freien Tage nutzt und nach Hause kommt, um heimlich um seinen verlorenen Hof herumzuschleichen und von schlechteren besseren Tagen träumt, ebenso wenig die zwischen Ost und West pendelnden Malocher, die in Erwartung des Wiedersehens mit ihrer Liebsten daheim die Erregung nicht zügeln können und zwischendurch Erleichterung suchen.
Draußen donnern die Lastwagen über die holprigen Betonplatten, die – zwar nicht schadlos, aber ihren heutigen Zweck immer noch leidlich erfüllend – nicht nur den Führer überdauert haben, sondern auch die friedvolle Zeit nach dem Grauen.
Irgendwann Anfang der neunziger bin ich diesen Weg zum ersten Mal gekommen. Der kleine Schritt über die Grenze war damals noch ein Schritt in eine andere Welt, auch wenn seinerzeit die Durchquerung der neuen Bundesländer durchaus darauf vorzubereiten und einzustimmen vermochte, was den Reisenden in Polen erwartete.
Seither haben sich Äußerlichkeiten verändert. Der Grenz-übertritt erfolgt im Normalfall zügiger, die Autobahn – so wird man im Westen sagen – hat endlich annähernd mitteleuropäischen Standard erreicht.
Im Rauschen der Wälder beidseits der Trasse aber schwingt immer noch eine Erinnerung an jene Zeit, in der Menschen ziellos durcheinanderliefen, weil ihr Leben in Sekundenschnelle aus der Bahn geraten war, eine Zeit, in der über Nacht aus Freunden Feinde wurden, die Erinnerung an ein fruchtbares und dann plötzlich blutgetränktes Land, das noch kurz zuvor alle gemeinsam ernährt hatte. Wer hören will, der kann es hören – selbst an milden sonnigen Tagen, den Arm lässig aus dem geöffneten Autofenster gelehnt…
Was mich persönlich betrifft, so ist mir Schlesien völlig unerwartet begegnet: In Gestalt einer Frau, die mir anfangs, das bedeutet Ende der achtziger Jahre so exotisch vorkam wie der Gedanke an jenen Landstrich, über den ich – wie viele andere auch – eher weniger interessiert denn zornig in den Medien nach meinem politischen Empfinden hier und da in höchst revanchistischer Weise diskutieren hörte.
In der Tat hatte ich kein rechtes Gefühl für den Backstage-Bereich hinter dem Eisernen Vorhang, der ja schon kurz hinter Helmstedt gefallen war. Dass sich zudem in den sogenannten Landsmannschaften und Vertriebenenwerbände der Sudenten, Schlesier und anderer Hinterwäldler ausschließlich Altnazis tummelten, war für mich seinerzeit eine ausgemachte Sache.
Auch der Umstand, dass jene erwähnte, selbst für hiesige Verhältnisse schrille Person, zumeist in überaus aufschlussreiche Miniröcke gezwängt, damals meinen Weg kreuzte und sich dabei – auch ungefragt – immer wieder als überzeugte Schlesierin darstellte, löste zwar ein gewisses Erstaunen aus, konnte mein Bild vom bellenden und ewig-gestrigen Vertriebenen jedoch nicht eigentlich ins Wanken bringen. Ausnahmen bestätigen schließlich die Regel.
Letztlich kam es, wie es auch in Groschenheften in solchen Fällen kommen muss. Da die näheren Umstände in anderem Zusammenhang zu erörtern wären, sei an dieser Stelle auf Einzelheiten verzichtet.
Mit einem Mal jedenfalls war ich mit einer Hardcore-Schlesierin liiert, die zwar dem äußeren Anschein nach eher in den Londoner Underground der endenden achtziger Jahre gepasst hätte, gleichwohl aber in Bezug auf ihre Heimat von einer semtimentalen Anhänglichkeit war, dass es selbst Außenstehende und Skeptiker wie mich nahezu zu Tränen rührte.
Erst viel später habe ich verstanden, was hinter diesem verklärten Blick zurück steckte und ich kann nicht leugnen dass ich von den kommenden politischen Entwicklungen begeistert war, die dieser damals notgedrungen rückwärts gewandten Perspektive die Möglichkeit einer Zukunft, einen Ausblick nach vorn entgegensetzten.
Wie wichtig dies auch für die deutschstämmigen Schlesier vor Ort war, wurde mir in einem Gespräch mit meinem schlesischen Nachbarn Peter klar, der Mitte der neunziger Jahre mit wässrigen Augen von einem möglichen Beitritt Polens zur Europäischen Union schwärmte, weil er dadurch auch Deutschland wieder näher käme.
Von mir selbst jedenfalls kann ich heute behaupten, in zwei Ländern zu Hause zu sein und manchmal weiß ich gar nicht mal, wo es mir besser gefällt; auch wenn – und daran führt kein Weg vorbei – mich beim Durchqueren des Ruhrgebietes immer noch wohlige Schauer überkommen.
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