Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Die heilige Hedwig – Ein wahres Märchen aus dem alten Schlesien

Die Heilige Hedwig nicht zu kennen, ist natürlich verzeihlich. Immerhin ist es ja nun schon über achthundert Jahre her, dass sie geboren wurde. Aber auch wenn es schon so unvorstellbar lange zurückliegt, ist ihr Leben doch wert erzählt zu werden.

Es ist eigentlich eine sehr schöne Geschichte. Auch wenn sie hier und da ein wenig traurig ist. Auf jeden Fall aber ist sie wahr. Alles, was ich hier erzählen will, hat sich genauso zugetragen. Nun, vielleicht nicht ganz genauso, aber jedenfalls ungefähr so. Über die vielen Jahre hinweg kann sich schließlich niemand mehr so genau an jede Kleinigkeit erinnern. Denn achthundert Jahre, das ist wahrhaftig eine ganz schön lange Zeit.

Damals, das war die Zeit der Kaiser und Könige, der Fürsten und Herzöge, der Ritter und der Burgfräulein. Und so eines war auch unsere Prinzessin Hedwig. Zugegeben, dass das heute kein sehr moderner Name mehr ist, aber zu jener Zeit hießen viele Mädchen so.

Auch haben die Leute damals ganz anders gesprochen als heute, deutsch zwar, doch wie wir heute sprechen, das hat sich erst im Laufe der Zeit so ergeben.

Hedwigs Vater war ein sehr vornehmer, reicher und berühmter Fürst, ein stattlicher Mann, der oft schon mit dem Kaiser Feuerbart auf weite Reisen in ferne Länder gegangen war. Dadurch war er natürlich oft nicht zu Haus, und das fand Hedwig gar nicht so gut.

Hedwigs Mama vermutlich auch nicht. Trotzdem klagte sie nie und eigentlich hätte das auch gar keinen Zweck gehabt. Damals nämlich hatten die Frauen noch nicht besonders viel zu sagen, ja genaugenommen überhaupt nichts. Der Papa war der Chef, und gemacht wurde nur das, was er wollte. Und wenn er sagte, dass er wegführe, dann fuhr er auch weg. Irgendwann haben die Frauen das dann ziemlich blöde gefunden und mit ihren Männern ein ernstes Wort geredet. Seitdem ist alles ein bisschen besser geworden. Aber das war erst viel später, und Hedwigs Mama hat davon noch nichts gehabt.

Immerhin brachte der Vater von seinen Reisen immer tolle Geschenke mit, und darüber freuten sich alle sehr. Auch Hedwigs Mama natürlich. Doch wenn der Vater auf Reisen war, dann saß sie meistens in ihrem Zimmer und guckte aus dem Fenster. Arbeiten musste sie ja nicht. Dafür gab es Mägde und Knechte.

Solange jedenfalls Hedwig sich erinnern konnte, bestand die wichtigste Aufgabe ihrer Mama darin, Kinder zu bekommen. Jedenfalls verbrachte sie die meiste Zeit damit. Und das war wirklich komisch. Immer wenn der Vater für einige Zeit nach Haus gekommen und dann wieder abgereist war, begann sich Mamas Bauch zu wölben, erst ganz wenig, dann immer mehr, und schließlich konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass bald ein neues Geschwisterchen zur Welt kommen würde. Und obwohl es davon schon reichlich gab, wurden es von Jahr zu Jahr immer mehr, die im Burghof herumtollten und sich die Zeit mit Spaß und Spiel vertrieben.

Als Hedwig sechs Jahre alt geworden war, ging diese schöne Zeit zu Ende. Heute beginnt für die Kinder in diesem Alter die Schule. Natürlich gab es die damals noch nicht, und darum konnten auch nur ganz wenige Leute schreiben oder lesen. Um das zu lernen, mussten die Eltern ihre Kinder in ein Kloster schicken. Und genau dies hatte Hedwigs Vater für sie beschlossen.

Und obwohl sich Hedwig darauf freute, die vielen nützlichen Dinge zu lernen, die ihr im Kloster beigebracht würden, war sie auch sehr traurig, sich von ihren Lieben zu trennen. Doch wer damals etwas lernen wollte, der musste diese Unannehmlichkeiten schon in Kauf nehmen. Schließlich tröstete sie sich damit, dass Mama, Papa und die Geschwister sie sicherlich besuchen würden.

Schon kam der Tag der Abreise. Ein letztes Mal umarmten sich alle herzlich, und hier und da flossen auch dicke Abschiedstränen. Doch schließlich schwang sich Papa auf sein Pferd, gab das Zeichen zur Abfahrt, und schon ging’s los. Durchs Burgtor hinaus, über Wiesen und Felder, durch Wälder, Dörfer und Städte. Es war eine wirklich lange Reise quer durch ein Land, das Hedwig bislang gar nicht kannte. Denn bisher war sie kaum aus der Burg ihres Vaters hinausgekommen. Und so genoss sie die Fahrt mit großen staunenden Augen, obwohl sie sehr anstrengend war.

Schließlich aber erhob sich in der Ferne die Silhouette eines großen Gebäudes und natürlich ahnte Hedwig, dass sie nun bald ans Ziel der Reise gelangen würde.

Nicht mehr lange, dass sie aus dem Wagen stieg und von der Äbtissin begrüßt wurde.

„Guten Tag, kleine Hedwig“, sagte sie mit warmer freundlicher Stimme, und auch wenn die Prinzessin ein wenig ängstlich dreinschaute, so machte ihr die Freundlichkeit der Äbtissin das Herz viel leichter.

Als sie sich nun aber von ihrem geliebten Vater verabschieden musste, schossen ihr dann doch die Tränen in die Augen. Sie warf sich in seine Arme, die sich fest und doch zärtlich um sie schlangen, und weinte sehr.

„Sei nicht traurig“, sagte nun ihr Vater, „Bedenke, dass du hier ganz nahe bei Gott vieles lernen wirst, was womöglich ich selbst nicht weiß.“ Und das Versprechen, dass Vater, Mutter und Geschwister sie so oft wie nur irgend möglich besuchen würden, machte ihr den Abschied ein wenig leichter.

So begann also Hedwigs Leben im Kloster in Kitzingen, das damals schon über 400 Jahre alt war. Und wahrhaftig: Sie lernte gern und schnell und wuchs zu einem gescheiten und nicht minder frommen Mädchen heran. Das lag vielleicht auch an ihrer Lehrerin Petrissa. Die beiden waren sich vom ersten Tag an so herzlich zugetan, wie es sonst nur zwischen Eltern und Kindern möglich ist.

Als Hedwig nun aber zwölf Jahre alt geworden war, geschah es, dass die Äbtissin sie eines Tages nach dem Abendgebet zur Seite nahm.

„Hedwig“, sagte sie, „ich habe heute einen Brief von deinem Vater erhalten.“ Sofort trat ein helles Leuchten in Hedwigs Augen, und gleichzeitig ahnte sie, dass irgendetwas Besonderes geschehen sein musste. Nur hoffentlich nichts Böses?!

„Erzählt mir, was er schreibt“, bat sie und konnte ihre Ungeduld nur mit Mühe verbergen.

Und nun erfuhr sie aus dem Munde der Äbtissin, dass ihr Vater einen Mann für sie gefunden habe und dass schon bald die Heirat in der elterlichen Burg stattfinden werde.

Nun werdet ihr euch wundern, dass Hedwigs Vater sie schon im Alter von nur zwölf Jahren verheiraten wollte. Doch wenn ihr bedenkt, dass die Menschen damals nur selten älter als vielleicht 30 oder höchstens 40 Jahre alt wurden, jedenfalls kaum jemand das Alter erreichte, das Hedwig beschieden war (aber das wusste ja zu diesem Zeitpunkt noch niemand), dann ist das schon gar nicht mehr so verwunderlich.

Trotzdem war Hedwig einigermaßen überrascht. Einerseits war sie inzwischen davon ausgegangen, dass sie ihr Leben lang im Kloster würde bleiben können. Und das hätte ihr sicher auch sehr viel Spaß gemacht. Andererseits hatte sie natürlich nur eine ungefähre Ahnung, was es bedeuten würde, einen Mann zu heiraten und mit ihm eine Familie zu gründen.

Indes – der Vater hatte entschieden, und natürlich gehörte es sich zur damaligen Zeit nicht, ihm zu widersprechen. Ebenso wie er sie vor sechs Jahren ins Kloster geschickt hatte, so holte er sie nun zurück ins andere Leben, und Hedwig hatte sich zu fügen.

„Weißt du noch, wie du damals zu uns kamst?“, fragte die Äbtissin und ihre Gedanken wanderten zurück zu jenem Tag vor sechs Jahren, da ein kleines Mädchen ein wenig verschüchtert vor ihr stand. Schon damals hatte sie geahnt, dass aus Hedwig noch etwas ganz Besonderes werden würde. Wie gern hatte sie sie beobachtet, wenn sie auf der Steinbank im Klostergarten saß, in der Heiligen Schrift las oder herrliche Muster stickte. Ja, Hedwig war wirklich ein besonderes Kind, und dass aus ihr eine nicht weniger besondere Frau werden würde, das wusste die Äbtissin ganz genau.

Nicht anders erging es Petrissa, Hedwigs geliebter Lehrerin. Schluchzend fielen sie einander in die Arme.

„Wie weh tut es mir, dass du fortgehst“, klagte Petrissa.

Und obwohl es Hedwig nicht anders ging, versuchte sie doch, ihre Lehrerin zu trösten: „Seid nicht allzu traurig“, sagte sie, „ich weiß, dass wir uns eines Tages wiedersehen.“

Und damit sollte Hedwig wirklich Recht behalten.

Am nächsten Tag kam der Vater mit einigen Gefolgsleuten im Kloster zu Kitzingen an, um seine Tochter abzuholen. Er mahnte zur Eile, denn der Bräutigam sollte schon bald in der heimatlichen Burg erscheinen. So blieb für den letzten Abschied nicht viel Zeit. Eilig fielen sich alle nochmals in die Arme, und schon stieb die Kutsche davon. Zurück ging’s nach Andechs und wahrhaftig war Hedwigs künftiger Ehemann Heinrich schon dort eingetroffen.

Schüchtern beäugten sich die beiden und doch fanden sie auf Anhieb Gefallen aneinander. Aber das war auch kein Wunder! Dass Hedwig ein nicht nur gescheites, sondern auch überaus hübsches Kind war, das wissen wir ja schon. Aber auch Heinrich mit seinen braunen Locken sah ausnehmend gut aus.

Und kaum dass Hedwig sich versah, hatte er sie bei der Hand genommen, und so als würden sie sich schon jahrelang kennen, liefen sie zum Burgtor hinaus zum Bach, der unten vorbeifloss. Dort setzten sie sich ins Gras, hielten sich ein wenig verlegen bei der Hand und blickten in das plätschernde Wasser.

„Morgen also wirst du meine Frau sein“, sagte Heinrich leise, fast mehr zu sich selbst.

Hedwig sah ihn an.

„Ja“, sagte sie schließlich und fügte wie beiläufig, errötend hinzu: „Und dann?“

„Naja“, meinte Heinrich, „so genau weiß ich das auch nicht. Jedenfalls werden wir zusammen wohnen und vermutlich müssen wir auch einige Kinder bekommen. Bei uns ist das so üblich.“

„Bei uns auch“, wusste Hedwig.

So viel jedenfalls war klar. Woher die Kinder aber kommen, das wussten die beiden natürlich nicht. Über so etwas sprachen die Leute damals nicht. Und zu Kindern schon gar nicht. Aber wie würden sie das herausbekommen?

Nun zeigte sich, dass Hedwig bei aller Unkenntnis der Dinge doch schon etwas mehr Erfahrung hatte. Während nämlich Heinrich mutmaßte, man könne Kinder sicher irgendwo bestellen, erinnerte sich Hedwig an die beständigen Wölbungen in Mutters Bauch.

„Kinder wachsen in der Mama“, sagte sie, und auch wenn sie Heinrichs Frage nicht beantworten konnte, wie sie denn dort hineinkämen, war sie ja schon auf der richtigen Fährte. Möglicherweise musste man inständig zu Gott beten, damit ein Kind in ihrem Bauch wachsen würde?

Schließlich tauchte die Abendsonne das Land in ein wunderbares rotes Licht, und Hand in Hand gingen die beiden Brautleute heim.

Am nächsten Tag feierten sie ein Hochzeitsfest, wie man es in Andechs und Umgebung zuvor noch nie erlebt hatte. Der ganze Hof war zugegen, und auch viele Bewohner des Landes waren eingeladen worden, sich an Gebratenem und Gesottenem zu laben.

War das ein Fest: Ritter maßen ihre Kräfte in einem Turnier, Musikanten spielten die ganze Zeit, überall tanzten die Gäste, lachten und jauchzten und freuten sich mit den beiden jungen Brautleuten.

Als denen aber spät in der Nacht die Augen zufielen, zerstreute sich alsbald auch die Menge. In ihrer Hochzeitsnacht jedenfalls haben die beiden tief geschlafen, und als Hedwig am nächsten Morgen erwachte, nutzte sie die Gelegenheit, den noch schlafenden Heinrich genauer zu betrachten.

Ein wahrlich hübscher Kerl, dachte sie. Hoffentlich wird er genauso lieb zu mir sein.

Die Tage vergingen. Heinrich und Hedwig lernten sich immer besser kennen und fanden schließlich, dass sie sich wirklich mochten.

Hedwig erzählte von ihrem Kloster, wo sie ja die halbe Zeit ihres Lebens zugebracht hatte, und Heinrich wiederum beschrieb ihr seine Heimat: ein Land weit im Osten, in dem es viele Wälder und Sümpfe gab, dafür aber nur wenige Menschen, ein Land, in dem das Leben ganz anders war – Schlesien.

Und dass Hedwig schon jetzt die wichtigsten Dinge über Heinrichs Heimat erfuhr, war natürlich wichtig. Immerhin würde sie ihn schon bald dorthin begleiten, ihre Heimat hinter sich lassen, und mit ihr all ihre Lieben. Abermals also stand ein Abschied bevor, und diesmal würde er für immer sein. Und auch daran war ebenso wenig zu ändern wie die Male zuvor. Nun unterstand Hedwig nicht länger der Obhut ihres Vaters, nun hatte sie einen Ehemann und ihm musste sie folgen. Das war damals so. Ob es ihr gefiel oder nicht.

Auch wenn sie immer neugieriger auf Heinrichs Heimat wurde, nahte der Tag des Abschieds für Hedwig denn doch viel zu schnell. Heinrich wiederum konnte es kaum erwarten, seine Angetraute in sein Land zu führen, dorthin, wo sie den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen sollten.

Aber es kam wie es kommen musste. Der Abschied war so traurig, dass ich hier gar nicht weiter darauf eingehen will. Immerhin ließ Hedwigs Bruder Egbert es sich nicht nehmen, seine Schwester nach Schlesien zu begleiten.

„Ich will sicher sein, dass sie auch wohlbehalten dort ankommt“, meinte er lächelnd, denn eigentlich wusste er genau, dass Heinrich alles Erdenkliche für ihren Schutz tun würde.

Dennoch: Begleitet von ihrem Ehemann, ihrem Bruder und vielen Gefolgsleuten, begann an einem milden Spätsommertag in aller Herrgottsfrühe Hedwigs Reise nach Schlesien. Viele Tage waren sie unterwegs, manchmal durch völlig unbewohntes Land, dann wieder gelangten sie in eine Stadt, wo sie ihren Proviant auffrischten, bis es weiterging, Tag für Tag.

Je näher sie der Burg zu Liegnitz kamen, desto unwirtlicher wurde das Land: Da gab es unheimliche Sümpfe, über denen die Nebelschwaden hingen, dann wieder beinahe undurchdringliche Wälder – nur Menschen, die bekamen sie kaum zu Gesicht. Nur ab und zu, wenn sich der Wald lichtete, sah man auf den Feldern arme zerlumpte Leute arbeiten. Naja, ihr könnt euch denken, dass es unserer Hedwig nicht gerade warm ums Herz wurde.

Die Fortsetzung findet sich im Schlesischen Tagebuch Bd.1, 56 Seiten, Format A4, Klebebindung mit zahlreichen farbigen Fotos, für 15 Euro bestellbar hier

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