Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenDie erst traurige und dann doch schöne Geschichte von Prinzessin Jadviga
Weiter im Osten liegt ein Land, das so flach ist wie ein Bügelbrett. Deswegen kennt man dort auch keine Hochhäuser so wie hierzulande, denn auch so können die Leute so weit schauen wie das Auge reicht, es sei denn, dass ein Wald im Wege steht.
Weil es dort auch keine Berge gibt, können die Kinder im Winter auch gar nicht richtig rodeln und deshalb stellen sie sich auf eingeseifte Bretter und lassen sich von ihren Hunden ziehen.
In diesem Land jedenfalls lebte vor vielen, vielen Jahren ein König, dessen ganzer Stolz seine wunderschöne Tochter Jadviga war. Sie hatte langes braunes Haar, Augen wie Kastanien, und allein ihr Anblick verzauberte jeden, der sie sah.
Da der König schon recht alt und seine Frau schon vor vielen Jahren gestorben war, machte er sich natürlich Gedanken darüber, wie es nach seinem Tode weitergehen und ob seine Tochter mit den Regierungsgeschäften alleine fertig würde.
So vergingen die Tage und Wochen, schon spürte der alte König, wie ihn die Kräfte verließen, und noch immer hatte er keine Lösung gefunden. Doch wie er eines Tages durch sein Schloss wanderte, wie er es immer tat, wenn es draußen regnete, da hatte er plötzlich eine Idee.
„Am besten wird es sein, wenn sie heiratet“, dachte er. Damit wäre wirklich für alles gesorgt: Während die Prinzessin regierte und das Land in Ordnung hielt, könnte ihr Mann kochen, sich um den Haushalt und die Kinder kümmern und ihr abends die Pantoffeln hinstellen, wenn sie müde von der Arbeit kam. „So soll es sein“, sagte der König und beschloss, seiner Tochter diese wunderbare Idee sofort mitzuteilen.
Die aber saß unter einem großen Regenschirm an dem schönen See, der sich nahe dem königlichen Schloss befand, und beobachtete, wie die dicken Regentropfen in das tiefblaue Wasser platschten.
„Wie schön es hier ist“, dachte sie bei sich und seufzte, während sie die beiden großen Birken am anderen Ufer betrachtete. Schon als kleines Kind hatte sie es immer wieder an diesen See gezogen, und natürlich kannte auch Jadviga die Geschichte, die sich die Leute von einem großen und uralten Goldkarpfen erzählten, der in den Tiefen des Wassers leben sollte. Der Dorfälteste, ein Mann mit unzähligen Falten und schlohweißem Haar, wollte ihn als Kind einmal gesehen haben: „Ganz kurz nur“, hatte er der Prinzessin einmal erzählt, „ganz kurz nur tauchte er auf, lange genug aber, dass ich seine goldenen Schuppen im Sonnenlicht glänzen sah, so hell, dass es mich blendete.“
Jadviga wusste nicht recht, ob sie diese Geschichte wirklich glauben sollte. Immerhin nahm sie sich jeden Tag die Zeit, um für einige Minuten am See auszuruhen, doch noch nie hatte sie es im Wasser golden schimmern sehen. „Aber ob es nun wahr ist oder nicht“, dachte sie, „jedenfalls ist es eine hübsche Geschichte.“ Und das war ja auch schon was.
Wieder betrachtete sie die beiden Birken am anderen Ende und die kleine, verlassene Hütte, die vor Urzeiten jemand zwischen die beiden alten Bäume gebaut hatte.
Und wie sie nun dort in Gedanken versunken saß, kam ihr nur allmählich zu Bewusstsein, dass jemand in der Ferne nach ihr rief. Und wie sie sich umdrehte, erblickte sie ihren Vater, der aus einem Fenster des Schlosses winkte und ihr bedeutete, sie solle nach Hause kommen. „Wenn er so ungeduldig nach mir verlangt, wird es wohl etwas wichtiges sein“, vermutete sie, erhob sich und wandte sich dem Schlosse zu.
Schon am Tor nahm sie ihr Vater in Empfang.
„Du weißt ja auch, daß meine Zeit nun bald gekommen ist“, sagte der König und legte den Arm um ihre zarte Schulter.
Jadviga aber erschrak. „Ist dir vielleicht nicht wohl?“ fragte sie besorgt. „Soll ich nach dem Arzt rufen lassen?“
„Aber nein“, erwiderte der König und schmunzelte ein wenig. „Ich bin ganz einfach alt und wenn ich schon nicht sterben muss, so will ich doch allmählich in Rente gehen. Die Arbeit fällt mir immer schwerer, und so habe ich überlegt, wie es weitergehen soll.“
Jadviga sah ihren Vater an und wusste natürlich genau, dass er ihr nun mitteilen würde, wie es weitergehen sollte. Und dieser ließ sich nicht lange bitten.
„Wenn ich mich zur Ruhe setze“, fuhr er fort, „wird die ganze Last der Regierungsgeschäfte auf dich übergehen. Und weil das – wie du weißt – sehr viel Arbeit ist, sollten wir nach einem Mann für dich suchen. Zwei Rücken tragen schließlich mehr als einer.“
Über diesen Vorschlag war die Prinzessin natürlich höchst verdutzt. Übers Heiraten hatte sie sich bis zu diesem Tage kaum Gedanken gemacht. Natürlich hatte sie schon oft die begehrlichen Blicke der jungen Männer aus dem Dorfe auf sich ruhen spüren, und ebenso natürlich hatte auch sie schon dem einen oder anderen nachgepfiffen, aber heiraten? Das war ein gänzlich neuer Gedanke.
„Nehmen wir einmal an, ich hätte wirklich Lust, mich zu vermählen“, sagte sie deshalb etwas ausweichend. „Wie soll ich dann den richtigen Mann finden?“
„Das ist kein Problem“, antwortete der König prompt und triumphierend. „Ich weiß schon jemanden.“
Da war die Prinzessin natürlich noch viel verdutzter, und man kann nicht sagen, dass es ihr gefiel, wie ihr Vater offenbar schon alles vorbereitet hatte. Da sie aber wohlerzogen war und ihrem Vater noch niemals widersprochen hatte, sagte sie nichts.
„Dort, wo die Berge sind“, fuhr der König fort, „wohnt ein Prinz, dessen Vater ich sehr gut kenne. Noch heute will ich einen Boten dorthin senden und ihm die Heirat vorschlagen.“
Nun aber riss der wohlerzogenen Prinzessin der Gedulds-faden und zum ersten Mal in ihrem Leben wagte sie, ihrem Vater zu widersprechen. „Diese Idee gefällt mir nicht“, sagte sie bestimmt. „Lieber will ich alles allein schaffen und warten, bis mir der richtige über den Weg läuft.“
Das wiederum verschlug dem König die Sprache. Noch nie hatte seine Tochter eine seiner Entscheidungen in Frage gestellt und er war überhaupt nicht bereit, es gerade in dieser wichtigen Frage zu dulden.
Die Fortsetzung findet sich im Schlesischen Tagebuch Bd.2, 56 Seiten, Format A4, Klebebindung mit zahlreichen farbigen Fotos, für 15 Euro bestellbar hier
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