Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Die Aldisierung des Ostens

Natürlich gibt es inzwischen Supermärkte und Discounter, natürlich ist die Einkaufshallenkultur inzwischen auch im ländlichen Schlesien angekommen. Zuerst war es Plus, dann OBI, Aldi hat jetzt nachgezogen, und wer wollte es den vielen, die sowieso an der finanziellen Schmerzgrenze leben, übel nehmen, wenn sie – auf jeden eingesparten Groschen anderweitig angewiesen – ihre Einkäufe vorwiegend dort tätigen und eben nicht mehr im notgedrungen teureren Tante-Emma-Laden, den es in vielen Dörfern glücklicherweise auch noch gibt.

Als ich vor vielen Jahren erstmals nach Schlesien kam, fühlte ich mich – übrigens nicht nur einkaufstechnisch – zurückversetzt in meine Kindheit, in der ich – wie alle wohlerzogenen Kinder – ausgestattet mit einer Geldbörse, in der ein kleiner karierter Zettel und überschlagsweise abgezähltes Geld steckte, zum Einkaufen geschickt wurde und all jene kleinen Läden abklapperte, in denen das Gewünschte zusammenzusuchen war: Los gings an der Ecke beim Milchbauern, dann zum Gemüseladen Tomaschewski, es folgte der Fleischer Wittling, die Konditorei Bellwied, je nach Bedarf noch weitere, zum Schluss vielleicht noch ans Büdchen, um dort die zur Belohnung ausgesetzte Süßigkeit zu erstehen, eine Tüte gemischter Bonbons etwa für 10 Pfennig.

Im Schlesien der beginnenden neunziger Jahre war es ebenso.

Natürlich diente der Einkauf zugleich nicht nur der Warenbeschaffung, er war ein soziales Ereignis, bei dem man nicht nur alle wissenswerten Neuigkeiten aus dem dörflichen Leben erfuhr, sondern im ausführlichen Gespräch mit der Geschäftsführung und anderen Kunden durchaus auch fachliche Erkenntnisse über einzelne Erzeugnisse gewinnen und wertvolle Tipps zur Haushaltsführung erhalten konnte. Mein Wissen um die medizinische Wirkung von Kernseife habe ich ebenso auf diesem Wege erworben wie zahlreiche andere Hinweise beispielsweise zur Fleckenentfernung, zur Senkung des Cholesterinspiegels, zur Bekämpfung hohen Blutdrucks oder zum Auskurieren eines ausgewachsenen Katers.

Von zwei Lebensmittelläden in unserem Dorf Biestrzynnik hat bis auf den heutigen Tag einer überlebt, der bis vor wenigen Jahren ebenfalls ansässige Fleischer ist in Rente gegangen und hat sein Geschäft geschlossen, weil die gesamte Nachkommenschaft inzwischen in Deutschland lebt und sowieso keiner der Söhne Fleischer geworden ist. Dies ist umso bedauerlicher, als hier wahrlich die besten und frischesten Fleisch- und Wurstwaren zu kaufen waren, die mir je auf den Teller gekommen sind. Dass nicht jeden Tag alles zu kriegen war, versteht sich dabei von selbst: Der Schlachttag war wöchentlich fest terminiert und je nach Dauer der Zubereitung der einzelnen Erzeugnisse war klar, wann sie zum Verkauf standen.

Aber all das ist inzwischen weitgehend vorbei. Auch wenn der wirkliche Sündenfall in unserem Laden in Biestrzynnik erst kürzlich in Form einer in Folie gewickelten europäischen Einheitsgurke eingetreten ist, schmecken Tomaten – ganz anders als in Deutschland – zwar meist tatsächlich noch nach Tomaten, doch waren schon die ersten, wenn auch schleichenden Veränderungen in der schlesischen Konsumlandschaft schon Mitte der neunziger Jahre unübersehbar.

Statt Frischwaren in Papier zu wickeln, gab es plötzlich Klarsichtfolien, mit der jede einzelne Scheibe Wurst von der anderen getrennt wurde, Mineralwasser stand immer seltener in Glasflaschen zum Kauf, die Plastiktüte löste die bis dahin immer am Arm baumelnde Einkaufstasche ab – kurzum: Der Verpackungsmüll hielt unerbittlichen Einzug.

Zu jener Zeit, da es noch kein geregeltes Müllentsorgungssystem gab, sondern jeder selbst zusehen musste, wie er seinen Abfall los wurde, führte das natürlich unweigerlich dazu, dass immer mehr Gift durch die Hauskamine quoll und das Land nicht selten unter einer übel riechenden Dunstglocke lag.

Dieser missliche Umstand allerdings hat sich seit Einführung einer monatlichen Müllabfuhr glücklicherweise wieder gebessert, auch wenn sich Plastikflaschen als Brandbeschleuniger immer noch großer Beliebtheit erfreuen.

Dass mit Müll ganz nebenbei gute Geschäfte zu machen sind, hat sich übrigens inzwischen offensichtlich bis in die schlesische Provinz herumgesprochen: Neben der Kommune selbst bieten inzwischen zwei weitere private Firmen allein in unserer Gemeinde ihre Dienste bei der Beseitigung der zivilisationsbedingten Hinterlassenschaften an.

Während wir aber dabei der Kommune treu geblieben sind, setzen wir beim Einkauf auf die Förderung der privatwirtschaftlichen Tätigkeiten in unserem Dorf. Plus hin, Aldi her, solange es wir uns hier noch erlauben können, wollen wir unseren Beitrag zur Stützung der dörflichen Binnenkonjunktur leisten. Das Warenangebot ist zudem vielfältig, was nicht vorrätig ist, wird für den nächsten Tag bestellt. Abgesehen von der Möglichkeit, ein paar Zloty zu sparen, gibt es also für uns nicht den geringsten Grund, einen Discounter aufzusuchen.

Hinzu kommt der soziale Faktor: Irgendjemanden trifft man dort schließlich immer, man bleibt auf dem Laufenden über die Geschehnisse im Dorf und wenn es sich ergibt, wird aus dem schnellen Einkauf ein durchaus amüsanter Nachmittag.

Interessanterweise aber und dies ganz gegen jedes Klischee gilt dies hierzulande viel eher für die Männer als für die Frauen. Tatsächlich habe ich nirgends so viele Männer mit Begeisterung einkaufen sehen wie auf dem schlesischen Land. Der Grund dafür liegt auf der Hand, denn natürlich geht es nicht um das Einkaufen selbst. Vielmehr ist damit ein Anlass gefunden, der Aufsicht seiner Ehefrau sozusagen noch mit deren Segen zu entkommen und den Auftrag mit dem Genuss zu verbinden, den es bereitet, in einer geschwätzigen Männerrunde vor dem Laden eine Flasche Bier zu trinken.

So gesehen wäre es gar nicht auszudenken, was es bedeuten würde, wenn das kleine Geschäft in unserem Dorf eines Tages doch noch schließen würde. Wohin mit all den Männern, die mangels alternativer Tätigkeiten wohlmöglich ganztägig ihren Frauen zur Last fielen?

Vor diesem Hintergrund stellt sich unser ökonomisches Engagement zum Erhalt unseres kleinen Dorfladens unversehens als etwas noch viel Bedeutsameres dar: als Beitrag zur Wahrung des allgemeinen sozialen Friedens.

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