Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Der Gang alles Irdischen – Die Geschichte vom Szambo

Bezahlt haben wir unseren Anschluss an die örtliche Kanalisation schon vor vielen Jahren. Jedenfalls meine ich mich so zu erinnern. Es kann aber auch sein, dass ich seinerzeit nicht alles richtig verstanden habe und es eigentlich nur um eine mögliche Planung ging. Ein Umstand jedenfalls, der uns allerdings erst sehr viel später bekannt wurde, spricht sehr für diese Annahme: Niemand in Biestrzynnik leitet seine Abwässer in irgendeinen Kanal, und dies nicht etwa aus Kostengründen, sondern weil es ein Kanalnetz hier nicht gibt.

Trotzdem waren die beiden Herren, die uns damals mit viel Charme und offensichtlichem Sachverstand draußen auf dem Feld ihre Zeichnungen erläutert und mit guten Argumenten dafür geworben hatten, dass wir unbedingt den Sprung ins moderne Zeitalter der Abwasserlogistik wagen sollten, so überzeugend und vor allem sympathisch gewesen, dass wir uns ihrer Meinung angeschlossen hatten.

Geschehen ist seither zwar nichts, doch haben wir zweifellos in unsere Zukunft investiert.

Bis dann schließlich doch noch Taten folgen, werden wir weiterhin auf unsere hauseigene Lösung setzen müssen, die man zu Deutsch nach meinem Wissen Sickergrube, hier in Schlesien, vielleicht auch in ganz Polen wohl „Szambo“ nennt.

Gemeint ist ein betoniertes Loch irgendwo im Garten, nicht allzu weit von jenen Örtlichkeiten entfernt, wo all das anfällt, was der Mensch beim Waschen, Spülen und letztlich auch am Ende der Nahrungskette produziert. Bei uns befindet sich diese Vorrichtung hinter dem Haus: Eine inzwischen von Gras überwucherte alte Betonplatte lässt noch gerade erahnen, welchen Platz die Architekten seinerzeit gewählt haben. Zugleich ist der derzeitige Zustand ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Grube in all den Jahren noch nicht einmal hat geleert werden müssen, denn natürlich wird sie – angelegt für eine vierköpfige, das ganze Jahr über anwesende Familie – durch uns, die wir nur wenige Wochen im Jahr hier sind, niemals an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen können.

Bei unserem Nachbarn Peter ist das anders. Dort habe ich schon verschiedentlich beobachten können, wie eines Tages ein Spezialfahrzeug anrückte, einen flexiblen Rüssel in die Grube versenkte und mit ungeheurem Lärm all das hinaussaugte, was sich dort angesammelt hatte.

Noch anders und vor allem sehr viel kostengünstiger hält es unser zweiter Nachbar Roland. Vermutlich hat er seinerzeit errechnet, dass das Abwasser- und Fäkalaufkommen seiner insgesamt siebenköpfigen Familie nebst der im selben Haus auf dem Altenteil lebenden Mutter Ausmaße erreicht, die eine wöchentliche Leerung des Szambos erforderlich machen und eine kaum tragbare Gebührenbelastung nach sich ziehen würde. Er hat also stattdessen ein unterirdisches Rohr verlegt, das vom Haus weg aus seinen Garten hinaus führt und etwas versteckt an der gegenüberliegenden Straßenböschung auf einer Wiese an einem Ort mündet, der seither als der – schon von weitem sichtbar – grünste und vegetationsreichste in der näheren Umgebung bezeichnet werden muss. Dass damit – je nach Wetterlage – nicht ganz unerhebliche Geruchsbelästigungen einhergehen, muss man in Kauf nehmen, und in Anbetracht der eingesparten Finanzmittel fällt dies sicher nicht schwer. Jedenfalls Roland nicht.

Doch auch wir als unmittelbare Nachbarn begegnen den Dingen mit der gebotenen Gelassenheit. Nur ein einziges Mal gab es Probleme, doch wenn man es im Nachhinein in aller Ruhe betrachtet, kommt man zu dem Schluss, dass alles meine eigene Schuld war.

Wie ich schon sagte, hat Rolands eigenwilliger Szambo einen Teil jener Wiese in eine fruchtbare Sumpflandschaft verwandelt, über die damals – als dort noch geöffnet war – meine Abkürzung zu Zeneks Kneipe verlief. Gerade in der Dunkelheit, das heißt auf dem Rückweg, waren mir die dort üppig wachsenden, sich schemenhaft am Horizont abzeichnenden Pflanzen ein hilfreicher Orientierungspunkt, denn halte ich mich links davon, geht’s die kleine Böschung hinauf und nach wenigen Schritten bin ich zu Haus.

In einer Sommernacht des Jahres 2002 indes liefen die Dinge nicht wie gewohnt. Es mag daran gelegen haben, dass wir im Laufe des Abends eine Reihe von Leuten bei Zenek getroffen hatten, die uns schon lange nicht mehr über den Weg gelaufen waren. Ein Bier gab das andere, hinzu gesellte sich zwischendurch immer wieder ein damals modernes Getränk namens „Teraz Polska“, ein gespritzter Schnaps, der – sofern er denn richtig bereitet wird – mit seinem rot-weißen Aussehen an die polnische Nationalflagge erinnert und daher seinen Namen hat.

Unterm Strich jedenfalls war zumindest ich – als Zenek sich endgültig entschloss, den Laden zu schließen und das Bett aufzusuchen – nicht mehr uneingeschränkter Herr meiner Sinne, was dazu führte, dass ich auf dem Rückweg nicht nur die fürsorglich leitende Hand meiner Liebsten verlor, sondern diese auch erst wieder fand, als sie mich aus Rolands Szambo zog, in dem ich auf der Suche nach dem richtigen Weg mit beiden Beinen steckengeblieben war. Dass ich auf diese Weise – wie ich aber erst am nächsten Morgen feststellte – einen Schuh in Rolands Schietgrube versenkt haben muss, wiegt dabei nicht gar so schwer, als auch der mir verbliebene beim besten Willen nicht mehr herzurichten gewesen wäre.

Von Abkürzungen allerdings halte ich seitdem nicht mehr viel.

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