Schlesisches Tagebuch
Liebeserklärungen und andere MerkwürdigkeitenAmtsschreiben
Auch wenn die europäische Union den Polen in vielfacher Hinsicht weitreichend unter die Arme greift, ist in einigen Kreisen die alte Skepsis ungebrochen. Dazu trägt neuerdings sicherlich auch eine bürokratische Lawine bei, die nahezu jeden unter sich begräbt und damit selbst jene zu Europagegnern mutieren lässt, die dem europäischen Gedanken bislang eher positiv gegenüberstanden.
Der Gang der Dinge ist so: Brüssel will in Polen etwas ändern, Warschau gerät unter Druck, gibt diesen weiter in die Wojewodschaften, die nun ihrerseits eine Umsetzung in den Gemeinden veranlassen. Diese überschütten nun – ohne wirklich zu wissen, worum es eigentlich geht – den ahnungslosen Bürger beinahe täglich mit Formularen, Fragebögen, Vorladungen und vielem weiterem unwillkommenen Papierkram.
Ein sehr aktuelles Beispiel ist die offenbar von Brüssel angemahnte Flurbereinigung nach europäischem Vorbild. Wie immer diese auszusehen hat, klar ist: Niemand, aber auch wirklich niemand weiß Bescheid.
Es hat uns in diesem Herbst zwei Tage gekostet, auf telefonischem Wege, aber auch durch persönliches Vorsprechen zumindest ungefähr herauszubekommen, was zwei uns kommentarlos zugesandte Fragebögen über die steuerliche Klassifizierung unseres Waldes in Tarnau zu bedeuten haben.
Unser bisheriger, man muss wohl einräumen vorläufiger Kenntnisstand ist der: Wald kann nach der aktuellen polnischen Steuerpolitik dreierlei sein – Wald im Naturschutzgebiet, Wald in Parkanlagen oder ordinärer Wald. Unser Wald gehört der dritten Klasse zu und ist damit recht billig. Das Problem nun aber bilden die Wege, die naturgemäß hier und da durch einen Wald führen und bislang steuerlich dem Wald zugerechnet wurden. Das soll nun anders werden. Wege, die durch einen Wald führen, sind nämlich offensichtlich nicht notwendigerweise Waldwege, sondern können sogar eine solche Bedeutung haben, dass sie steuerlich mit Bauland gleichgesetzt werden.
All jene und darunter auch wir, durch deren Wald Wege führen, stehen nun vor der Aufgabe nachzuweisen, dass ihre Waldwege Waldwege sind und damit unter steuerlichem Gesichtspunkt Wald. Dafür reicht aber ein Verweis auf die existierenden Flurkarten keineswegs aus; es bedarf vielmehr einer von einem amtlichen oder auch privaten Gutachter erstellten Expertise, die nach ersten Voranfragen Kosten von mindestens 600 Zloty verursacht.
Um eines klar zu sagen: Hier soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass ich die deutschen Bürokraten den polnischen vorzöge. Auch in deutschen Ämtern habe ich nahe alles erlebt: von vollständiger Ahnungslosigkeit bis zu arroganter Willkür.
Der Unterschied liegt eher auf der Empfängerseite. Kusine Bertha nämlich, der wir bei einem herrlichen Stück Käsekuchen von unserem Leid berichteten, brach zu unserem Erstaunen in haltloses Gelächter aus. Als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, gab sie uns die Empfehlung, es all jenen gleichzutun, die als ständig vor Ort Lebende und damit kontinuierlich von derartigen Amtsschreiben Heimgesuchte, damit folgendes machten: „Siehst du an Stempel, kommt von Amt, wirfst du in Milleimer.“
So geht’s – nervenschonender und kostengünstiger – vielleicht auch.
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