Schlesisches Tagebuch

Liebeserklärungen und andere Merkwürdigkeiten

Archiv für Mai, 2007

Fotogalerie

Einige meiner Fotografien aus Schlesien sind – neben anderen – nun auch in einer Galerie bei Picasa zu betrachten. Viel Spaß dabei!

Schlesischer Abend in der Krefelder Friedenskirche

Als Veranstaltung in der Reihe „KulTurm“ der Krefelder Friedenskirche findet am 20.6.2007, 20 Uhr ein „Schlesischer Abend“ mit einer bunten Mischung aus Literatur, Musik und bildender Kunst statt.
Das Programm im Einzelnen:

Lesung von Texten aus meinem „Schlesischen Tagebuch“
Lieder der Sopranistin Ewa Stoschek, am Piano begleitet von Hans-Günter Bothe
Gemälde meiner Frau Mauga aus dem Zyklus „Schlesische Impressionen“

Auf den Eintritt i.H.v. 10 € hatten wir leider keinen Einfluss.

Ozimek

Mein Dorf Biestrzynnik gehört – ebenso wie die Ortschaften Antoniów (Antonia), Chobie, Dylaki (Dylocken, 1936–45: Thielsdorf), Grodziec (Friedrichsgrätz), Krasiejów (Krascheow, 1936–45: Schönhorst), Krzyżowa Dolina (Kreuzthal), Mnichus, Schodnia (Alt Ostdorf, bis 1914 Alt Schodnia), Nowa Schodnia (Neu Ostdorf, bis 1914 Neu Schodnia) und Szczedrzyk (Sczedrzik, 1934–45 Hitlersee) – verwaltungstechnisch der Großgemeinde Ozimek (dt. Malapane) an. Ozimek ist eine, rund 20 km östlich von Oppeln am Fluss Malapane gelegene Stadt mit inzwischen 10.166 Einwohnern und einer Fläche von 3,25 km². Fünf Kilometer nordwestlich der Stadt befindet sich der Turawa-Stausee. Das Gebiet der Großgemeinde, d.h. inklusive aller Ortschaften ist natürlich sehr viel größer: Es umfasst 126,5 km², auf denen 21.536 Menschen leben.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts befanden sich auf dem heutigen Stadtgebiet dichte Wälder. Daran hat sich rund um die Stadt auch bis heute nicht sehr viel geändert. Nachdem an der Malapane große Raseneisenerzlager (das sind Sedimentfraktionen mit besonders hohem Eisengehalt) entdeckt wurden, erfolgte in den Jahren 1753/54 auf Befehl König Friedrichs II. von Preußen der Bau von zwei Hochöfen am Fluss.

Zusammen mit den Frischherden in Krasiejów (dt. Krascheow), Jedlice und Debska Kuznia (dt. Dembiohammer), in denen das Roheisen von unerwünschten Begleitstoffen befreit wird, entstand aus diesen Hochöfen die erste staatliche Eisenhütte in Oberschlesien, das Eisenhüttenwerk Malapane. Ab 1780 wurde der Ort Sitz eines königlichen Hüttenamtes.

Die Hüttenleute wurden aus den westlichen Provinzen Preußens angeworben, für sie wurde die Kolonie Hüttendorf (heute ulica Wyzwolenia) errichtet. Den Bau der Kolonie, der 1762 begann, leitete der Oberforstmeister Johann Georg Rhedanz, unter dessen Regie auch schon der Bau des Hüttenwerkes erfolgt war.

Die Produktion von gusseisernen Geschützen in Preußen begann 1783 in Malapane. 1789 wurde auf dem Werk die Anwendung von Koks für den Schmelzprozess anstelle der bis dahin üblichen Holzkohle eingeführt. Die erste Dampfmaschine errichtete der aus Ellrich im Harz stammende August Friedrich Holzhausen im Jahre 1794. Die erste gusseiserne Brücke Deutschlands, die später führte in Laasan, einem Ortsteil von Jena über das Striegauer Wasser führte, wurde 1796 hier gegossen.

1801 entstand in Malapane ein Denkmal für den 1765 verstorbenen Oberforstmeister Rhedanz nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel. Auch die 1819 errichtete evangelische Kirche stammt von Schinkel.

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Foto-Quelle

Neben der Kanonengießerei war Malapane auch für seinen Kunstguss bekannt. Beispiele dafür sind der 23 m hohe und 12,5 Tonnen schwere Obelisk von Ullersdorf (pl. Oldrzychowice Klodzkie) aus dem Jahre 1802 oder auch die Kettenbrücke in Malapane von 1827, die erste Hängebrücke in Europa. Gebaut wurde sie nach den Plänen des Machineninspektors Schottelius. Diente sie bis 1938 noch dem allgemeinen Verkehr auf der Strecke Ozimek-Zawadzkie, ist sie heutzutage als Fussgängerbrücke auf dem Gebiet der Hütte nach wie vor in täglichem Gebrauch.

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Foto-Quelle

Mit dem Entstehen des industriellen Zentrums Oberschlesien wurde Malapane zu einem der größten Stahlproduzenten Schlesiens. Der Eisenguss wurde eingestellt, weil die Raseneisenerzlagerstätten in der Umgebung abgebaut waren.

1944 gehörte das Hütten- und Edelstahlwerk Malapane zu den Vereinigten Oberschlesischen Hüttenwerken AG und beschäftigte ca. 3.000 Arbeitskräfte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt der Ort den Namen Ozimek. Namenspatron war ein Müller, dessen Mühle vor der Errichtung des Hüttenwerks an der Malapane stand.

Das Werk wurde nach dem Krieg als Hüttenkombinat Mala Panew wieder aufgebaut und beschäftigte um 1975 ca. 7.000 Menschen. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen und der Öffnung zu den internationalen Märkten musste die Hütte in Ozimek im Jahre 1989 die Produktion nahezu einstellen, da sie der Konkurrenz auf dem Stahlmarkt nicht gewachsen war. Damit ging eine fast 250-jährige Tradition der Eisen- und Stahlproduktion in Malapane dem Ende zu; aktuell sind nurmehr wenige hundert Menschen dort tätig.

Seither entwickelt sich Ozimek zu einem Erholungsort am Turawa-Stausee, an dessen Ufern einige Ortschaften der Gemeinde liegen. Ozimek war seit 1954 eine städtische Siedlung und erhielt im Jahre 1962 Stadtrecht.

Hier die rasante;-) Bevölkerungsentwicklung von Ozimek:

1885: 185 Einwohner / 1925: 1.131 / 1939: 3.998 / 1957: 3.500 / 1961: 3.698 / 1971: 5.000 / 2004: 9.833 / 2005: 9.732 / 2006: 10.166

Neben seiner industriellen Tradition hat allerdings auch Ozimek einige kulturelle Blüten hervorgebracht: Hier geboren z.B. wurde im Jahre 1942 der Schriftsteller Gerd-Peter Eigner, der allerdings nach erfolgreicher Fucht schon im Jahre 1949 gemeinsam mit der Mutter eine neue Heimat in Wilhelmshaven fand. In seinen erzählerischen Werken spielen Selbstreflexion und Selbstanalyse problematischer Charaktere eine bedeutende Rolle. Gerd-Peter Eigner, der von 1972 bis 1986 dem Verband Deutscher Schriftsteller angehörte und Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland ist, erhielt neben diversen Stipendien u.a. folgende Auszeichnungen: 1978 den Hörspielpreis des Österreichischen Rundfunks und den Kulturpreis der Stadt Bocholt, 1979 ein Villa-Massimo-Stipendium, 1982 das Stadtschreiberamt von Burg Kniphausen bei Wilhelmshaven, 1983 den Förderpreis zum Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen sowie 2005 die Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung.

Land der Gegensätze

Sicherlich ist Schlesien ein Land der Gegensätze. Reich an natürlichen, aber auch landwirtschaftlich genutzten Flächen hier, hektisch und verraucht dort. Nachfolgend einige interessante Informationen zur Situation im oberschlesischen Industriegebiet rund um Kattowitz; sie mögen viele erschrecken, mich, der ich im Ruhrpott groß wurde, eher weniger.

Die Gas- und Staubemission im Raum Katowice liegt 20 Mal über dem Landesdurchschnitt. Hier waren zeitweise 40% der gesamten Luftbelastung des Landes auf lediglich 2,1% der Staatsfläche konzentriert. Auch die Wasserqualität entspricht noch nicht europäischen Standards. Die starke Siedlungsdichte im Oberschlesischen Industriegebiet verursachte eine Vermischung von Wohn- und Industriegebieten. Dadurch wurde die Gesundheit der Bewohner erheblich belastet. Im Oberschlesischen Industriegebiet liegt die Krankheitsrate deutlich über dem Landesdurchschnitt. Es gibt zum Beispiel 50% mehr Atemwegserkrankungen und die Krebsrate ist um 1/3 höher als im Rest Polens. Diese Umstände haben eine deutlich geringere Lebenserwartung zur Folge. Gründe für diese Probleme liegen hauptsächlich in den veralteten Industrieanlagen. So werden z.B. die Abwässer der Fabriken nur unzureichend gereinigt oder direkt ungeklärt in die Gewässer geleitet. Auch die starke Konzentration von Industrieanlagen nahe an den dicht besiedelten Wohngebieten liefert eine weitere Ursache für die erhöhte Krankheitsrate. Nach dem 2. Weltkrieg war es unwichtig die Umwelt zu schützen, sondern das einzige was zählte, war, die Produktivität zu steigern. Mit Umweltschutz hielt sich keiner auf. Es wurden immer mehr Fabriken und Bergwerke ohne Rücksicht auf die Wasser- und Luftverschmutzung gebaut. Diesen Problemen wirken EU und Regierung durch diverse Maßnahmen entgegen. So wurden einige verschmutzende Betriebe aus den Städten ausgelagert, der Emissionsschutz verbessert und die Betriebe modernisiert. Des weiteren sind eine Vielzahl von Umweltverträgen mit Investoren und der EG unterzeichnet worden. So wurde eine Reihe von Kläranlagen durch die EU finanziert. Verstöße gegen Umweltauflagen sollen von nun an auch effizienter verfolgt und gegebenenfalls bestraft werden. Bereits zwischen 1990 und 1999 konnte so die Umweltsituation spürbar verbessert werden, trotzdem bleibt das Oberschlesische Industriegebiet weiterhin ein „Umweltnotstandsgebiet“.

Mehr dazu hier.

Ein fast schon surreales Foto aus Kattowitz schickt Ewa mit folgendem Kommentar:

…another photo from my village i.e.Katowice-Kostuchna (also in the south of Katowice). You can see a cinder tip (halda) near our coalmine in the background. The author of this picture is Bartlomiej Barczyk, who was doing this for a newspaper and a Silesian calendar with popular Silesian people.

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Die beiden Personen sind übrigens in Polen in der Tat sehr bekannt: Marta Fox, eine Dichterin, Kolumnistin und Gewinnerin vieler nationaler Literaturpreise sowie der Fotograf und Grafiker Janusz Stobinski.

Zdzieszowice

Als Zugeständnis an Ewa, die mit Recht darauf aufmerksam macht, dass Schlesien mehr zu bieten hat als idyllische Landschaften, das folgende Foto aus Zdzieszowice am Fuße des Annabergs: In seiner gewollten Symbolträchtigkeit vielleicht etwas überzogen, immerhin ein Hinweis auf die schlesische Schwerindustrie.

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